Jun 6 2010

Pain of Salvation – Road Salt, One

ChameleonHalo

Wir schreiben das Jahr 2010 und die Ausnahme-Schweden von Pain of Salvation veröffentlichen ihr siebtes Studioalbum Road Salt One nach einer 3-jährigen Wartezeit. Soweit so gut. Was gibt es sonst noch neues ? Mal schauen. Sie haben einen neuen Drummer, dafür keinen Bassisten mehr, waren im schwedischen Vorentscheid für den Eurovision Songcontest vertreten (nicht sehr erfolgreich), Frontmann Gildenlöw hat sich seine Zahnlücke richten lassen und Gitarrist Hallgrens Oberarme sind inzwischen so groß wie Mammutbäume.

Sonst noch irgendetwas bemerkenswertes ? Achja, allem Anschein nach hat die Truppe an diversen psychedelische Substanzen geschnuppert, eine Zeitmaschine gebaut, dann ihr neues Album in den 70ern aufgenommen und sich nebenher noch mit den Beatles und einer südländischen Folk-Combo zusammen auf einem Zirkusgelände gehörig die Kante gegeben. Zumindest bekommt man als Hörer diesen Eindruck. Denn Road Salt One ist von vorne bis hinten Sex, Drugs and Rock’n'Roll … und stößt in gewohnter Pain of Salvation – Manier das gesamte Publikum vor den Kopf.

Die Platte beginnt mit dem fetzigen No Way, dass dann auch gleich im Midtempo losrockt und uns mit schicken Bassläufen, Piano und Gildenlöw’s unverkennbarem Gesangstil versorgt: „There is no way, that you can love her like I do.“ Dies ist dann auch einer der ersten Kritikpunkte; Die Lyrics sind nicht mehr durchgängig auf dem gleichen hohen Niveau auf dem sie sich in früheren Veröffentlichungen befanden. Möglich, dass Gildenlöw nach dem prätentiösen Konzeptalbum BE die Schnauze voll hatte von überkandideltem poetischen Getue. Mich stört es nicht weiter, aber für viele war gerade der lyrische Part von Pain of Salvation eine sehr wichtige Komponente.

Wie dem auch sei, Gildenlöw’s lyrischer Genius ist nicht völlig in der Versenkung verschwunden, sondern offenbart sich nach dem kurzweiligen Blues-Rocker She likes to Hide in der grandiosen Ballade Sisters. Hinter der unscheinbaren Benennung versteckt sich ein typischer Pain of Salvation – Song par excellence. Sehr gefühlvoll und gemächlich beginnend, zeichnet die Band hier einen wahrlichen Abgrund der sich da vor den Füßen des Protagonisten auftut. Ein Schritt zu weit und alles ist vorüber. Sisters ist packend, emotional, wunderschön und vor allem eines: Herrlich unangenehm und bedrohlich. Zweifelsohne einer von Pain of Salvations großen Momenten. Es folgt Of Dust, eine Art Interlude, welches stark nach einer Liaison zwischen den Western-Dronern von Earth und dem Komponisten Ennio Morricone (The Man With The Harmonica, A Fistfull Of Dollars) unter einem staubigen Wüstenhimmel klingt. Verfeinert mit Gildenlöws Erzählstimme und begleitet von tiefen rauchigen Männerchören. Zu schade, dass das ganze nach knapp 3 Minuten schon vorbei ist. Ein weiter 3-Minüter steht in den Startlöchern, das Rock’n'Rollige Tell Me You Don’t Know, welches sich zwar fetzig anhört, aber nie als ein vollwertiger Song wirkt, sondern eher wie eine wahllos im Studio dazwischen geschobene Jam-Session. Im nächsten Track geht es dann wieder sehr merkwürdig weiter. Sleeping Under The Stars nennt sich der Titel und präsentiert uns zunächst einmal sehr zynische Lyrics.

“Wait darling wait and don’t worry cause you will see,
semen stains wash out surprisingly easily
from leather back-seats of expensive cars,
and soiled toilet seats in the bars.
And why worry about emotional scars,
when tonight you’ll be sleeping under the stars.”

Muss man dazu noch mehr sagen ? Präsentiert wird das ganze mit durchgeknallter Jahrmarktmusik und einem Choral von den Muppets auf Helium. Klingt genau so lustig wie nervig und macht auf eine seltsame Art sogar noch eine Menge Spass. Nach diesem Ausflug gibt es mit Darkness of Mine endlich wieder einen Song, den man zu 100% Ernst nehmen kann. Psychedelische Gitarren, die in einem harten, ruppigen Chorus gipfeln, während Gildenlöw wieder eine stark emotionsgeladene, brilliante Gesangsperformance abliefert. Aus einem ähnlichen Holz wurde auch der nachfolgende Song Linoleum geschnitzt. Gefangene machen Pain of Salvation auch hier keine und feiern erneut eine solide und eingängige Rock-Nummer ab. Curiosity schlägt in die selbe Kerbe und rockt sogar noch bodenständiger als sein Vorgängiger und lädt zu hemmungslosem Mitsingen ein. Live sicher ein Höhepunkt. Nach diesen drei fetzigen Nummern ist erst einmal eine kurze Pause angesagt. In Tell Me Where It Hurts wird die Geschwindigkeit wieder zugunsten einer psychedelisch-atmosphärischen Midtempo-Nummer zurückgenommen, welche Gildenlöw wieder mit seiner unverkennbaren Stimme veredelt. Nun ist es Zeit für den Titeltrack Road Salt. Diese Ballade dürfte dem geneigten Fan aus dem schwedischen Vorentscheid zum Eurovision Songcontest bekannt vorkommen. Der Song besteht nur aus sanften Mellotron-Klängen und Gildenlöws Stimme und geht einfach unter die Haut. (Die Live-Performance kann man sich auch hier einmal zu Gemüte führen) Im finalen Innocence zeigt die Band noch einmal eindrucksvoll was sie kann und lässt den 7-Minüter nach einem eher ruhigen Anfang und einem instrumentalen Chaos zurück, welches den Eindruck einer einstürzenden Welt hinterlässt. Eine typischer Albumcloser im Pain of Salvation Stil.

Das vorliegende Werk weckt gemischte Gefühle. Es ist so vollkommen anders als alles, was uns die Band je präsentiert hat, trägt dennoch dieselbe Handschrift. Und bei allen Ungereimtheiten zieht einen das Album dennoch in den Bann. Es mag nicht ihr anspruchsvollstes Werk sein, nicht ihr flüssigstes, nicht ihr poetischstes, ganz im Gegenteil. Road Salt ist dreckig und roh, aber auch emotional und ehrlich. Und letzten Endes ist dies auch alles was zählt.

Anspieltipps:  Sisters, Linoleum, Road Salt

Update: Link zur Pain of Salvation-Myspace-Seite korrigiert. Hendrik.


Mar 18 2010

The Fountain

ChameleonHalo

Eines vorweg: Nein, auf diesem Blog herrscht derzeit keine Rachel Weisz Tributwoche. Dass sie die Hauptcharakterin in zwei verschiedenen Filmen spielte, die hier in Folge reviewt werden ist bloßer Zufall. Oder ist es ein Fingerzeig ? Diese Entscheidung überlasse ich euch …

The Fountain ist ein Film der polarisiert. Das hab ich selbst am eigenen Leib erfahren. Als ich den Film vor 4 Jahren zum ersten Mal sah, hielt ich ihn für prätentiösen esoterischen Schmu. 4 Jahre sind seitdem vergangen und als ich ihn auf Anraten eines Freundes nun erneut sah, rührte mich dieser Film zu Tränen und brachte mich noch Tage später zum Grübeln.

Im finsteren Dschungel Südamerikas ist der spanische Konquistador Thomas (Hugh Jackman) auf der Suche nach dem verborgenen Baum des ewigen Lebens, um sein Heimatland und seine schöne Königin (Rachel Weisz) von der Unterdrückung durch den Vatikan zu befreien. Schnitt in die Zukunft. Ein glatzköpfiger Mann (Hugh Jackman) schwebt in einer gläsernen Kugel, die neben ihm auch einen alten verdorrten Baum beherbergt, durch die Finsternis des Weltalls. Sein Ziel: Das ferne Sternbild Xibalba. Schnitt. Die Gegenwart: Der Wissenschaftler Dr. Tom Creo (Hugh Jackman, again) ist auf der Suche nach einem Heilmittel gegen Krebs. Sein Antrieb ist seine schwerkranke Frau Izzy (Rachel Weisz). Der Durchbruch steht kurz bevor, doch die Zeit rinnt ihm durch die Finger. Während er verzweifelt und besessen ein Heilmittel sucht, findet Izzy im Schreiben eines Romans eine andere Möglichkeit, ihren bevorstehenden Tod zu verarbeiten.

Darren Aronofsky ist nach dem schonungslosen Suchtporträt „Requiem For A Dream“ mit diesem Werk ein weiterer Meisterstreich gelungen. Eine Parabel von immerwährender Liebe, dem Streben nach Unsterblichkeit und dem Umgang mit dem Tod, all das verteilt auf 3 verschiedene Zeitstränge, immer wieder mit Symbolen miteinander verknüpft, ein Rätsel, dass es zu entschlüsseln gilt.

Die zentrale Handlungsebene ist dabei die der Gegenwart, die Vergangenheit und Zukunft sind rein metaphorisch zu verstehen. Zwei Ansichten prallen hier aufeinander. Izzy hat ihr Schicksal, den Tod akzeptiert. Umso mehr strahlt sie das Leben aus, eine zarte Lichtgestalt, die ihre letzten Tage mit ihrem Mann genießen will. Doch dieser ist wie besessen davon, sie vor der Krankheit zu retten, ja, vor dem Tod zu retten. „Death is a disease. And there’s a cure. And I will find it“, schreit er verzweifelt, selbst als seine Frau längst schon verstorben ist. Er akzeptiert den Tod nicht, spiegelt damit exakt den Ewigkeitswahn unserer Gesellschaft wieder. Verzweifelt leidet er im Angesicht von Izzys Tod und auch danach will er ihn nicht akzeptieren. Doch was ist das Leben wert, wenn es in ständiger Angst vor dem Ende „gelebt“ wird ? Eine ganz andere Antwort weiß da der alte aztekische Priester, welcher in Izzys Geschichte den Baum des Lebens bewacht. „Death is the Road to Awe.“ Das letzte Kapitel ist noch nicht vollendet. Diese Mission hat Izzy ihrem Mann aufgetragen. „Finish it.“ Und auf einmal begreift Tom, was von ihm verlangt wird, auch er soll lernen zu akzeptieren.

Zu dieser faszinierenden Geschichte kommt noch die audiovisuelle Komponente dazu. Gerade das Ende des Films ist hier ein einziger Orgasmus für Auge und Ohr. Der Film kommt dabei ohne teure CG-Effekte aus, so sind die Szenen im Sternbild Xibalba hauptsächlich vergrößerte Aufnahmen von chemischen Reaktion in Petrischalen. Diese Kosteneinsparung merkt man allerdings kaum. Für den Soundtrack konnte man dann den grandiosen Clint Mansell verpflichten, der hierfür sogar mit Mogwai und dem Kronos Quartett kollaborierte und einen Soundtrack erschuf, der mit „faszinierend“ nur unzureichend beschrieben werden.

Was soll ich noch groß sagen ? Worte vermögen hier wenig auszurichten. Der Film ist eine psychedelische Reise, die man nicht in Text fassen kann. Eine Reise die man selber antreten muss. Ich wünsche viel Vergnügen.

Trailer


Mar 17 2010

Agora – Eine Frau zwischen den Fronten

Hendrik Erz

Vor fünf Tagen, am 11. März 2010 kam ein Film in die Deutschen Kinos, der irgendwie kaum Beachtung findet. Während Tim Burton’s Alice im Wunderland hochgepriesen wurde und immer noch die Ausläufer des Avatar-Hypes zu spüren sind, geht dieser epische Film schier unter im Gewirr von Filmen.
Sicherlich, Tim Burton-Filme sind selten schlecht, und haben oft einen gesellschaftskritischen Inhalt, doch das Problem ist, dass dies kleine Dinge in unserem Alltag darstellen, die uns selbst nicht einmal so offensichtlich schaden. Doch in Agora – Die Säulen des Himmels geht es um wesentlich mehr als Ausgrenzung, Diskriminierung und Gruppenzwang.

AgoraIn Agora – Die Säulen des Himmels wird das Leben der Hypatia von Alexandria beleuchtet. Er spielt etwa um 400 n. Chr. in eben jener Stadt am Nil, als gerade die ersten Ausläufer der christlichen Religion dort ankommen.

Die Christen und die Verehrer der altägyptischen Götter stehen sich auf dem Platz vor der Agora in Alexandrien gegenüber und versuchen, die Religion des jeweils anderen zu widerlegen. Dabei gehen die Christen beim Beweis ihrer Überlegenheit sehr brutal vor und werfen gar den heidnischen Prediger in die Flammen.

Gleichzeitig unterrichtet Hypatia eine Reihe von Schülern in der Philosophie. Heute würde man das, was sie lehrte, eher unter die Fächer Philosophie und Astrophysik einordnen. Dann kommt ein Tag, an dem die Christen ein Bildnis einer heidnischen Gottheit wie einen schlechten Musiker mit Tomaten und fauligen Eiern bewerfen. So versucht der spätere Bischof Kyrill von Alexandrien zu beweisen, dass diese heidnischen Gottheiten nicht existieren. Daraufhin greifen die Heiden die Christen an und in einem langen Gemetzel schlagen die Christen die Heiden zurück und drängen sie in die Agora. Tage später bestimmte der damalige Römische Kaiser Augustus, dass die Agora ab sofort den Christen gehöre. Daraufhin wird die Bibliothek von Alexandrien gestürmt und sämtliche nicht geretteten Papyri werden vernichtet.

Jahre später ist einer ihrer Schüler Bischof von Kyrene geworden, ein weiterer Präfekt von Alexandrien. Die Christen, welche auffällig schwarz angekleidet sind, wurden immer mehr und beginnen nun langsam damit, auch andere Religionen, wie das Judentum zu vernichten. Doch als auch die Juden zurückschlagen werden die Christen erneut handgreiflich und metzeln so lange Juden nieder, bis diese die Stadt unter Legionsschutz verlassen müssen.

Doch Hypatia lehrt weiter an ihrer Schule, trotz der Radikalisierung der gesamten Bevölkerung, was ihr dann zum Verhängnis wird. Während sie immer mehr versucht, dem Rätsel der Planetenbewegung auf die Spur zu kommen, angestoßen durch eine Äußerung von Darius, einem ihrer früheren Sklaven und späteren Verräter, verschwört sich Bischof Kyrill von Alexandrien gegen den Präfekten und versucht, ihn dadurch zu besiegen, indem er Hypatia unter seine Kontrolle bringt. Das schafft er durch ein Zitat aus der Bibel, welches er verdreht, um Hypatia der Hexerei anzuzeigen.
Nachdem der ehemalige Schüler Hypatias immer mehr eingeengt wird, erklärt er ihr, dass er sie nicht weiter schützen könne. Daraufhin verlässt Hypatia das Gebäude ohne Geleitschutz und wird von Christen gefangen genommen, welche sie in die ehemalige Bibliothek von Alexandrien führen und sie dort steinigen.

Soweit etwas mehr zum Inhalt. Doch was ich an dem Film sehr empfehlen kann, ist, dass er relativ schonungslos zeigt, wie Ideologisierung und Fanatisierung der Bevölkerung – egal zu welcher Religion – über Gewalt bis zur vollständigen Kontrolle über die Menschen führt. So gelingt es den Religionsführern des Heidentums, des Judentums und besonders gut auch dem des Christentums, viele Menschen für ihre Sache zu gewinnen und so mit einer relativ großen Zahl an Menschen jeweils die andere Religion anzugreifen.

Was auffällig ist, bei diesen ganzen Religionsstreitigkeiten, dass das Christentum weitaus mehr “Fehler” begeht, als Heidentum und Judentum. Der Regisseur, Alejandro Amenábar – ein Spanier, scheint hier das Christentum mehr in die Schuld zu nehmen als das Heidentum und das Judentum. Einerseits dürfte das passiert sein, da es wesentlich “politisch korrekter” ist, das Christentum mehr zu belasten, als – besonders z.B. – das Judentum, andererseits, weil er sich vielleicht stellvertretend für seine Religion (bzw. die hauptsächliche Religion in Spanien – Katholizismus) schämt. Denn in der Vergangenheit hat sich das Christentum nicht unbedingt einen guten Ruf eingeräumt: “Hexenverbrennungen, Inquisition, Kreuzzüge – Wir wissen wie man feiert. Ihre Kirche” ist nicht umsonst ein ziemlich schwarzer Witz in diesem Zusammenhang geworden.

Doch abgesehen davon, dass man das Christentum mehr belastet als die anderen Religion, ist anzumerken, dass dieser Film seine extreme Religionskritik und damit auch seine gesellschaftliche Kritik, die auch auf die heutige Zeit übertragbar ist, stark in metaphorischer und ellipsenhaltiger Sprache verpackt. So erscheinen Vertreter des Heidentums, welche schließlich die Bibliothek von Alexandria, und damit wertvolles Wissen, ehrten und es mehrten, grundsätzlich in schneeweißen Gewändern, die Juden, welche mehr eine Nebenrolle einnehmen, in schlichtem, neutralem Grau und die Christen grundsätzlich in Schwarz. Ebenso auffällig ist die sinkende Pracht der Gewänder vom Heidentum über Judentum bis zu den Christen.
Und die Protagonistin läuft grundsätzlich in einem Bordeauxroten Kleid durch den Film. Ebenso metaphorisch sind die Kameraführungen, welche immer passend zum Kontext den “Blick Gottes” zeichnen könnten.

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Filmes ist die Hyperbel und die Ellipse. Diese beiden Begriffe, welche einerseits zur Beschreibung von Planetenbahnen (also das Hauptproblem im Film von Hypatia) aber andererseits auch zur Beschreibung Axiomähnlicher Sätze dienen, fallen recht oft in unterschiedlichen Zusammenhängen, aber genauso blind, wie die religiösen Fundamentalisten gegenüber ellipsoiden Planetenbahnen sind, so resistent zeigen sie sich gegenüber Ellipsen, welche ihnen eigentlich ihren eigenen Fanatismus vor Augen führen sollen.

Viel in dem Film ist stark durchdacht, es werden viele auch unbekannte, neue Mittel der Kameraführung und Visualisierung eingesetzt, die Elemente passen alle ineinander und jede Szene kann metaphorisch gedeutet werden. Alles in allem ist der Film ein Komplettpaket; sowohl Historiker, als auch Philosophen und Theologen dürften mit diesem Film rundum glücklich sein.

Als Fazit bleibt mir also nur zu sagen, dass dieser Film verdammt empfehlenswert ist und verdammt gut gemacht ist. Und wem die Intention verschlossen bleibt, für den hat dieser Film immerhin noch eine verdammt schöne Kulisse und tolle Grafiken – inklusive einem perfekten Drama. Absolutes Muss! :)


Mar 12 2010

Des Septembers letzte Gedanken . . .

ChameleonHalo

Es ist schön zu wissen, dass es Firmen gibt, denen man vertrauen kann. Prophecy Productions ist eine dieser Firmen. Ein süddeutsches Musiklabel, spezialisiert auf, wie sie es nennen, „Eerie Emotional Music“. Über die Jahre hat dieses kleine, aber stetig wachsende Label ein unglaubliches Gespür entwickelt unbekannte und talentierte Künstler unter seine Fittiche zu nehmen. Inzwischen vertraue ich diesem Label blind. Und nach ihrem neusten Wurf erst recht.

Les Discrets - Septembre et ses dernières pensées

Les Discrets - Septembre et ses dernières pensées

Les Discrets, zu deutsch die Geheimnisvollen, heißt der Neuzugang im Hause Prophecy. Ein dreiköpfiges Musikprojekt um den kreativen Kopf des Franzosen Fursy Teyssier, seines Zeichens Musiker und Grafikdesigner. Als letzterer stellt er schon seit längerer Zeit sein Können unter Beweis, mehrere animierte Kurzfilme und Coverartworks tragen seinen Namen. Als Musiker hingegen ist er ein weitestgehend unbeschriebenes Blatt, sieht man von wenigen Auftritten im Hintergrund der der französischen Schwarz-Metall Szene ab.

Nun, mitten im Frühling, präsentieren die drei Franzosen der Welt ihr Debüt. Es trägt den klangvollen Namen Septembre Et Ses Dernières Pensées, was auf deutsch etwa soviel heißen mag, wie „die letzten Gedanken des September“. Ungewöhnlich, in Zeiten wo die Schneeglöckchen spriessen und der letzte, von Abgasen graue Schnee an den Straßenrändern taut. Ungewöhnlich präsentiert sich auch der Rest des Albums. Nämlich ungewöhnlich gut, besonders vor dem Hintergrund, dass dies das allererste Werk des Trios ist.

Schon vom ersten Klang des akustischen Intros L’envol des corbeaux erschaffen die Geheimnisvollen eine mystisch-herbstliche Atmosphäre, die sich noch durch das ganze Album hindurch ziehen soll. Das Intro fließt unterbrechungslos in den ersten richtigen Song L’échappée über, der dann auch gleich das gesamte Können der Band präsentiert. Eine Mischung aus folkigen Elementen, ein wenig Post-Rock und Post-Punk bahnt sich ihren Weg aus den Kopfhörern, die Gitarren schweben, dann der charismatische Gesang von Fursy. Ein kurze Pause entsteht, das Lied baut sich erneut auf, mehrere Gitarrenspuren liegen übereinander, erstellen die Shoegaze- und Post-Rock typische Wall-of-Sound, erst eine Gitarre und Bass, dann wird es mehr, schließlich die Stimme Fursys, über allem thronend, der graue Himmel scheint zum Greifen nah.

Eine herbstliche Klanglandschaft, melancholisch, aber ebenso hoffnungsvoll, beinahe romantisch. Vergleiche zu Katatonia in ihrer Viva Emptiness Phase, vielleicht auch zu Agalloch oder Ulver’s Bergtatt liegen nahe, dennoch gehen Les Discrets konsequent ihren eigenen Weg, haben sich bereits mit ihrem Erstlingswerk eine eigene Nische geschaffen, eine Nische, in der auch ich mich als Hörer sehr wohl fühle.

Das Album ist sehr konsistent, Fehlgriffe gibt es nahezu keine und trotz der verschiedensten Einflüsse verkommt das Ganze keineswegs zu oberflächlichem Flickwerk. Bei allem Lob gibt es allerdings doch etwas zu Bemängeln. Einige der Songs hätte ich mir etwas länger gewünscht, gerade der sanfte Titeltrack Septembre Et Ses Dernières Pensées fällt mit zweieinhalb Minuten leider etwas kurz aus und wird der Chance beraubt sich richtig entfalten zu können. Das nächste Mal darf es gern auch etwas mehr sein.

Bleiben nur noch die abschliessenden Worte. Les Discrets legen mit diesem Album ein großartiges Debüt hin, dass den Hörer klanglich auf eine Reise durch einen herbstlichen Wald nimmt (ja, das mag ein Klischee sein, ihr könnt mich aber mal sonstwo …) und viel zu entdecken bietet. Für mich ganz klar eine der frühen positiven Überraschungen dieses Jahres.

Anspieltipps: L’échappée, Song for Mountains, Chanson d’automne

PS: Schaut euch auch mal auf Fursys Homepage um, seine Zeichnungen und Kurzfilme sind wirklich gut. =)


Oct 31 2009

Warum die CDU so unbeliebt ist – und trotzdem gewinnt

Hendrik Erz

“Ich kann es nicht verstehen”, oder “Warum sind die denn schon wieder dran?” sind typische Sätze, die man so oder sinngemäß sehr oft zu hören bekommt, wenn man sich unter Teilen der Bevölkerung umhört. Natürlich – es geht um die CDU und ihren Wahlsieg. Doch warum bekomme ich von meinen Bekannten oft eine Anti-CDU-Einstellung zu hören, wenn die CDU doch – mit Verlusten aber immer noch weit an der Spitze – die letzte Bundestagswahl gewonnen hat?

Im Grunde ist es doch so, dass man von Blogbetreibern, Internetnutzern, “Zockern” und Arbeitnehmern grundsätzlich eine negative Meinung zur CDU erfährt. Aber genauso bekommt man vom restlichen Volk eine positive Meinung zur CDU zu hören. Warum ist Deutschland so gespalten?

Das ist sicherlich eine große Frage, doch die Beantwortung ist relativ trivial, wenn man unsere Gesellschaft und die Umstände, was an der CDU nun genau in der Kritik ist, bedenkt. Internetnutzer, “Zocker” und Blogger sind die eine Gruppe, die oft gegen die CDU hetzt. Diesen Menschen liegt das Internet und eine zensurfreie Berichterstattung am Herzen. Und das sind genau die Punkte, in denen die CDU in den letzten Jahren massiv geschwächelt hat.
Die Stop-Seiten der Ursula von der Leyen, die umfassenden Gesetze des Wolfgang Schäubles sind nur die beiden Prestigeobjekte der Internetgemeinde, welche angeführt werden, um die CDU zu rügen. Hier ist die negative Haltung gegenüber der CDU also meist aufgrund dieser beiden CDU-Minister der vergangenen Bundesregierung aufzufinden.

Und der Rest des Volkes? Nunja, größtenteils hat die SPD den weitaus größeren Mist gebaut. Und Pech gehabt. Viel Pech. Und das größte Unglück war die Koalition mit der CDU. Denn durch sie konnte die SPD kaum irgendwelche Gesetze durchbringen. Dagegen hat die CDU schon mehr erreicht. Wie gesagt – Stop-Seiten und BKA-Gesetz. Abgesehen davon, dass letzteres sogar nichteinmal wirklich 100% legal durchgebracht wurde, lässt sich hieran gut sehen, wieso die SPD so stark abgebrochen ist. Denn Stop-Seiten und das BKA-Gesetz hatten nichts mit Wirtschaft oder dem sozialen Gefüge als solchen zu tun. Und das bedeutet, dass hierbei die hauptsächlichen Streitpunkte der CDU und SPD – Wirtschaft und Sozialismus – außerhalb gelassen wurden. Das erklärt die erhöhte Anzahl der Ja-Stimmen seitens der SPD für diese Gesetze.

Diese beiden Tatsachen – Machtlosigkeit und Pech, dass von der Leyen und Schäuble ausgerechnet diese beiden Streitpunkte erzeugen mussten – haben die SPD zumindest bei einigen “modernen” Teilen der Gesellschaft weit absacken lassen.

Doch die Machtlosigkeit der SPD hat auch dafür gesorgt, dass viele sozial Schwache und Geringverdiener abgesprungen sind, da sie sich von der SPD enttäuscht sahen. Warum eine Partei wählen, die eh nichts für die Menschen tut? Da glaubt man doch eher der Partei, die Steuersenkungen verspricht.

Was blieb also letzlich auf dem Wahlzettel übrig, das man wählen konnte? Die SPD schied aus, soviel war sicher. Die Gründe wurden schließlich gerade genannt. Die Grünen waren seit jeher keine echte Partei des Volkes. Natürlich vertreten sie ein breites Interessenspektrum, aber im Volk haftet ihnen immer noch stark das “grüne Image”, das sie sich auch bewahren, an. Das macht sie vor allem in Zeiten der Wirtschaftskrise einfach unbrauchbar. Man braucht starke Parteien, die dem Staat die Kassen fluten und Entlastungen für alle bringen. Also fallen die extremen ideologischen Parteien NPD und KPD schon einmal weg. Bleiben also noch als Alternativen die Linke, CDU und die FDP. Die Linke scheidet auch aus. Einerseits, weil eine gewisse Angst vor den Linken herrscht. Das ist teils durch die anderen Parteien erzeugt worden, andererseits haftet es der Bundesrepublik aber auch an.

Deutschland war seit Anbeginn der Zeit schwarz. Zuerst von einem Monarchen regiert, waren auch nach dem zweiten Weltkrieg immer noch die Konservativen beliebt. Denn natürlich möchte man bei der Demokratie bleiben, alles andere wäre fatal. Unter Anderem, weil nicht gerne von NATO und EU gesehen. Aber wenn man schon keinen König haben kann, der einem alles vorkaut, dann wählt der deutsche Michel eben die, die am nächsten dran sind und wo niemand drauf käme, dass eine Radikalisierung einsetze. Also die Schwarzen.

Nicht zu vergessen die Wahlversprechen. Mit Sätzen wie “Mehr Brutto vom Netto” und dem Drei-Stufen-Steuermodell hat besonders die FDP gepunktet. Darum hat sie auch über 14% erreicht. Die FDP hat den Zeitgeist erfasst und genutzt. Die CDU schaut in die Röhre, braucht sich aber nicht grämen, da die meisten CDU-Wähler, die abgesprungen sind, zur FDP über gewechselt sind. Faktisch haben sie also auch die CDU gewählt.
Die SPD hat massiv verloren. Ihre Wähler sind in alle Lager abgedriftet. Wie der Spiegel schrieb, habe Merkel sie kaputt regiert. Ich nehme an, der Spiegel meint damit eben jene Machtlosigkeit, die es einfach machte, der SPD eine Mitläufermentalität und Aktionslähme vorzuwerfen.

Und somit ist es erklärt, dass die CDU verloren und gewonnen hat. Alles ist genauso verlaufen, wie es der CDU nur am besten hätte widerfahren können. Die CDU ist an der Macht, Merkel bleibt, sie hat mit der FDP zusammen die absolute Mehrheit im Bundestag und da die FDP der CDU relativ hörig ist, werden schwarze Gesetze vermutlich bald durchgesetzt. Und das alles, weil der Wähler quasi per factum gezwungen war, die CDU oder FDP zu wählen.
Wegen den überzeugendsten Wahlversprechen, der Wirtschaftskrise und weil SPD und die Linken keine Alternative waren. In heutigen Tagen zählt wirtschaftlicher Wohlstand eben über dem Sozialen.

Moment mal – hat eigentlich irgendwer im Wahlkampf einmal die Bildung in den Mund genommen?


Oct 29 2009

Wie die Blase um Merkel platzte

Hendrik Erz

Monate vor der Bundestagswahl am 27. September 2009: Die Union unter Angela Merkel gibt hohe Wahlversprechen. Möglichst ohne die SPD wollen CDU und CSU weiter regieren. Sie kündigte eine Steuerreform und Stärkung der Familie an, preiste wie jede andere Partei auch die Vorteile für den Bürger an. Sie kündigte Steuerentlastungen und gleichzeitig Steigerung von Sozialleistungen an. Also ein großes Plus für den Bürger.
Und dann noch die Medienpräsenz der Kanzlerin. Sie rührte die Werbetrommel vielleicht sogar stärker als jedes Unternehmen, und dann die große Überraschung: CDU gewinnt mit gewaltigem Vorsprung, die SPD sinkt auf ein Rekordtief ab, die FDP steigt auf über 14% an und der Koalition aus Schwarz und Gelb ward der Weg freigemacht.

Und jetzt, einen Monat nach der Bundestagswahl, an jenem historischen Tag, wo SPD zu einer kleinen Partei absackte, stellt die Union trocken fest, dass außer diversen Steueränderungen nicht viel Neues kommen wird. Neue Regierung – alte Politik.
Und sogar die so reformfreudige FDP wurde gebremst. Zwar ist das 3-Stufen-Steuerreformprogramm jetzt im Koalitionsvertrag verankert und es wird vermutlich auch durchgesetzt, aber ansonsten? Merkel setzt eben auf Wachstum, patzt aber dabei. Sie verspricht dem Steuerzahler Entlastungen bei gleichzeitiger Mehrinvestition. Hinzu kommen Folgen der Fehler der großen Koalition, wie z.B. der große Gesundheitsfonds.

So rügt sogar schon die EU die Bundesrepublik, dass die Neuverschuldung nächstes Jahr die zulässige Höchstmenge überschreiten könnte – und das, auch ohne die neuen Reformen und Pläne der Regierung eingearbeitet.

Die vielen Wähler der CDU – darunter auch fast eine Million SPD-Anhänger – werden hiermit massiv enttäuscht. Sie sind geblendet von der Strategie der Angela Merkel, die mehr wie ein cleverer Geschäftsmann denn ein Politiker des Sozialstaates agiert. Das zeigt sich auch an der Absicht der Kanzerlin, den Sozialstaat soweit unreformiert zu belassen und sich lediglich an wirtschaftliche Belange zu klammern.

Jetzt platzt die ganze Blase – wie so jede typische Angela-Merkel-Phrase. Wie Volker Pispers schon propagierte, schwebt Frau Merkel über ihrem Parlament, das für sie nur eine Art Mittel zum Zweck zu sein scheint. “In diesem Problem müssen wir eine gemeinsame Lösung finden.” Ein unvergesslicher Satz.
Nur diesmal findet er an anderem Ort und mit anderem Wortlaut Anwendung. Ich weiß nicht, ob sich irgendjemand an dieses schicksalsträchtige Interview erinnert, das Westerwelle und Merkel gaben, und in dem ein Journalist aus Amsterdam Frau Merkel fragte, warum sie die Finanzen von mehr als 80 Millionen Deutschen einem Mann anvertraue, welcher vor nicht allzu langer Zeit in den CDU-Spendenskandal verwickelt war [Quelle], und vom Waffenhändler Karlheinz Schreiber eine Spende von damals noch 100.000 DMark empfing.

Für die, die es noch nicht kennen, hier noch einmal der Videoausschnitt:

Wer nun noch seine Plakate auf denen Sprüche wie “Angie for Bundeskanzlerin” oder Ähnliches stehen, nicht verbrennen möchte, dem kann auch ich nicht mehr viel raten, außer abzuwarten, was in den nächsten Jahren passieren wird.

Und somit wird das Märchen Merkel wieder um ein Kapitel reicher. Jetzt bleibt abzuwarten, wie sich die Politik entwickelt, wenn sie unter einer solchen Regierung stattfindet. Immerhin ist Schäuble jetzt Finanzminister. Dort kann er nicht mehr viel kaputt machen, ganz im Gegensatz zur Innenpolitik.