Sep 1 2010

Thilo Sarrazin – Ein “SPD-Nazi”?

Hendrik Erz

Thilo Sarrazin mag vielleicht ein wenig wie ein Magier klingen. Und vielleicht ist er das im metaphorischen Sinne sogar. Ein recht kreativer Name, und umso kreativer sind die Äußerungen, welche eben dieser Herr seit einigen Jahren auf die Menschheit regnen lässt. Just in diesen Tagen veröffentlichte Thilo Sarrazin ein Buch über jene Äußerungen, stellte es vor – und handelte sich eine Menge Ärger ein.

Thilo Sarrazin, seines Zeichens ein hohes Tier bei der Bundesbank und Mitglied in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, war bisher wohl für eine Großteil der Deutschen ein eher minderes Problem. Er machte seine Äußerungen und außer ein paar monierenden Worten seitens der Partei dürfte er wohl für jene Sprüche keinerlei Strafe erfahren haben. Doch nun, wo eben diese Veröffentlichung eines Buches, gefüllt mit offenbar vielen solcher Äußerungen, bevorsteht, droht Ärger. Bereits seit Tagen überschlagen sich gängige Medien wie Zeitung, Radio und TV über die Äußerungen Sarrazins und auf einmal wird aus einem politisch inkorrektem Menschen ein Nazi.

Es ist unglaublich, wie sehr auf einmal Menschen in der Bundesrepublik in die rechte Ecke gedrängt werden, und das nur durch heikle Äußerungen. Äußerungen, wie “Je niedriger die Schicht, umso höher die Geburtenrate” sind nun einmal inoffizielle Wahrheiten. Selbstverständlich ist es nicht unbedingt nett formuliert, doch auch hier gilt: Es fühlen sich nur diejenigen angesprochen, auf die es auch zutrifft. Das Problem, was jener Herr Sarrazin hat, ist nicht etwa seine konservative Einstellung, seine etwas problematischen Äußerungen oder er selbst – das Problem ist ein viel tiefgehenderes Problem, welches schon seit langer Zeit die Bundesrepublik verfolgt. Um genau zu sein seit 1945.

Seitdem die Nationalsozialisten die Macht über Deutschland erlangten, den zweiten Weltkrieg verursachten und ihn verloren, gilt in Deutschland eiserne Schweigepflicht. Die Deutschen haben zu kuschen, dürfen niemanden diffamieren und tun es auch nicht. Das Problem ist schlicht, dass das zwar für die Zeit von kurz nach dem zweiten Weltkrieg bis vielleicht sogar hinein in die 80er Jahre funktioniert hat, aber seit einigen Jahrzehnten bahnen sich nuneinmal Probleme an, die man ohne eben diese Art der Äußerung, die sich nun einmal auch gegen Teile der Immigranten richtet, nicht lösen kann.

Diese Probleme nennen sich unkontrollierte Immigration, Emigrieren von Fachkräften, die Bildung von Subkulturen innerhalb deutscher Städte von einem kleinen Teil der Immigranten und wachsende Volksverdummung.
Auf gut Deutsch heißt das soviel wie “Zu viele Idioten kommen ins Land, die Dichter und Denker verschwinden aus dem Land, Ghettobildung und vergammelte Schulbildung”.

Soweit sind dies recht desaströse Zustände. Das Problem dabei ist nur, dass sie alle nachweislich existieren. Dass viele Fachkräfte ins Ausland emigrieren ist durch Studien hinreichend belegt und ist auch verständlich, wenn man sich die Jobchancen in Deutschland ansieht, und den Vorschlag der Bundesregierung bedenkt, mit welchem die Regierung versuchen wollte, stärker ausländische Fachkräfte nach Deutschland zu holen, obwohl wir noch genug haben könnten. Welche Fachkraft würde bei diesen Aussichten gerne hier bleiben, wenn in Skandinavien z.B. deutsche Handwerker und Mediziner Händeringend gesucht werden?

Dass die Schulbildung desaströs ist, zeigt alleine schon die Föderalismusreform, in wessen Zuge die Bildung in Länderhand übergeben wurde und somit ein regelrechter Wettbewerb zwischen den Ländern entstanden ist, sodass Länder mit etwas mehr Vernunft im Parlament auch wesentlich bessere Schulbildung anbieten (Auch wenn selbige ebenso nicht unbedingt das Gelbe vom Ei ist). Die Folge: Das vielzitierte Bildungsgefälle.
Und als zusätzlichen Beweis für mangelhafte Umsetzung von G8 und sonstigen Bildungsreformen bieten sich die mittlerweile immer öfter und mit größerem Erfolg praktizierten Bildungsstreiks an, wenn selbst Schulkindern die Stundenpläne zu voll sind.

All diese ganzen Aussagen sind schlicht weg wahr, jeder kennt sie und jeder weiß sie, aber niemand traut sich, sie auszusprechen. Und genau das ist das Problem dieses Landes: Wir haben 60 Jahre lang niemals einem Ausländer gesagt, er würde in Deutschland nicht gebraucht, wenn ein Einheimischer den Job genauso gut erledigen konnte, dafür aber obendrein eine Familie ernähren musste. Und mittlerweile scheinen wir schlicht vergessen zu haben, wie man politisch korrekt die Grenzen dicht macht. Sarrazin ist hierfür das Paradebeispiel: Er bringt auf eine sehr polemisierende Art und Weise genau das herüber, was das deutsche Volk denkt. Das Problem ist nur, dass er teilweise abstruse Vergleiche zieht, von denen er ganz genau weiß, dass sie in die rechte Ecke gedrängt werden. Doch vielleicht ist es nur ein Trick, um zu beweisen, dass neutrale Äußerungen über Juden, Türken und sonstigen  Rassismusopfern schlicht “rechts” eingeordnet werden. Ich kann mich an eines seiner Zitate erinnern, in welchem er darauf ansprach, dass Juden und Basken andere Gene hätten, als Europäer: “Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden.”

Diese Äußerung war so betrachtet neutral. Der Inhalt der Aussage kommt zwar dem Spruch “So Jung kommen wir nicht mehr zusammen!” gleich, doch er zeigt, wie schnell sich die Politik bereit erklärt, den Spruch als rechts ab zu tun und Sarrazin hiermit zu attackieren.

Sarrazin ist ein Mensch, der offenbar gerne die Politik angreift, vielleicht sogar mit den richtigen Mitteln. Die Problematik, die er anspricht ist soweit ein offenes Geheimnis und ganz ehrlich: Auch wenn seine Äußerungen teilweise wirklich abstrus sind oder schlichtweg überflüssig, da inhaltslos, eines sind sie bestimmt nicht: Ausländerfeindlich oder rassistisch.

Und somit finde ich das Verhalten der deutschen Politik erwartungsgemäß, aber eben unverständlich. Sarrazin hat hier eine große Wunde aufgerissen, die seit der Naziherrschaft in der deutschen Gesellschaft klaffte. Er motiviert meiner Meinung nach die Menschen dazu, offener zu sagen, was ihnen nicht gefällt, indem er als gutes Vorbild voran geht. Denn was bringt es der BRD, wenn man Sozialschmarotzer (Und hiermit meine ich alle Menschen, die den Staat ausnutzen, Ausländer wie Inländer) politisch gesehen toleriert und versucht, sie mit Gesetzen, die um den heißen Brei herum regulieren, zu kontrollieren, anstatt es einfach einmal anspricht, wodurch auch Politik einfacher werden würde? Warum traut sich niemand, offiziell und öffentlich gegen solche Menschen eine Meinung zu vertreten?

Ich hoffe, dass Sarrazins Äußerungen – auf einem gesunden Level – eine deutschlandweite Diskussion entfachen, die vielleicht sogar eine für alle positive Wirkung zeigt und vielleicht sogar wirklich dafür sorgt, dass es Deutschland vielleicht irgendwann wieder ein Stück weit besser geht.


Jul 12 2010

Wiederkehr zu den Wurzeln des deutschen Bildungssystems

Hendrik Erz

Seit jeher gab es große deutsche Dichter und Denker. Menschen, die mit allzu klugen Zitaten der Aufklärung dienten. Sie machten Deutschland zu dem, was es war – ein Land der Dichter und Denker. Die Deutschen brachten die klügsten Köpfe hervor und so ist Deutschland, oder zumindest sind Deutschstämmige für die Erschaffung vieler Theorien verantwortlich, man denke nur an das kommunistische Manifest von Marx und Engels, den Vormärz, Weimar und viel deutscher Literatur, die auch heute noch Weltruhm genießt.

Doch wie ebenso allseits bekannt, schwindet dieses Image langsam – es gibt immer weniger intelligente Köpfe und ausgebildete Fachleute, vielfach hat Deutschland nicht mehr die Kapazitäten, um in der heutigen Welt mitzuhalten. Da davon auszugehen ist, dass es – auch wenn es nicht den Anschein hat – immer noch äußerst intelligente Köpfe in Deutschland gibt, so ist die Bildung schuld. Dabei hat die Bildung in wohl kaum einem anderen Land eine derartige Wandlung vollzogen, wie in Deutschland. Viele Menschen spucken auf das deutsche Bildungssystem, doch alleine das ist ein Beweis dafür, dass es mit Deutschland – zumindest noch – nicht so schlecht bestellt ist, wie es scheint.

Im Mittelalter gab es keinerlei “echte” Bildungssysteme im damals Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Die einzige Bildung, die es gab, waren überlieferte Schriften und das Wissen, dass die christlichen und andersgläubigen Mönche in Klöstern bewahrten und durch sorgfältige Buchabschriften bewahrten. Wer Wissen haben wollte, musste ein Mönch werden, Wissen war Elitär. Es gab zwar ab dem 12. Jahrhundert zunehmend Universitäten, doch auch das Studium an ihnen wurde mit kirchlichem Glauben als Voraussetzung restriktiv behandelt. Doch zweihundert Jahre später, etwa Mitte des 15. Jahrhunderts dann, gab es einen Fortschritt, der Bildung einfacher machte – Johannes Gutenberg erfand um 1440 herum den Buchdruck, welcher es in den darauffolgenden Jahrhunderten schneller, einfacher und vor allem günstiger machte, Buchabschriften zu erzeugen. Ab da an konnten sich auch weniger betuchte Familien Bücher und damit Bildung sichern. Außerdem wurden die Universitäten nach und nach freier zugänglich, doch immer noch gab es einen großen Teil der Bevölkerung, welcher keine Bildung bekam – im damaligen Agrarstaat Deutschland brauchte man die Jugend eben von Anfang an auf dem Feld.

Sogar noch um 1800 herum, kurz nach der französischen Revolution war Bildung ein kostbares, schier unerreichbares Gut, das aber ebenso stark erhalten wurde, um die Bildung auch reichhaltig zu halten. Falls man die Möglichkeit eines Studiums erhielt, konnte man sich sicher sein, man würde zu einer Bildungselite gehören; zwar gab es auch im Ausland sehr gute Universitäten wie Oxford oder Cambridge, doch die deutschen Universitäten genossen damals allgemein einen besseren Ruf. Damals war ein Studium an sich bzw. allgemein der Besuch eines Gymnasiums an sich nicht schwer, doch es war zeitaufwändig. Wie in der klassischen Schullektüre “Unterm Rad” von Hermann Hesse nachzulesen, muss man sich Bildung damals sehr geisteswissenschaftlich vorstellen – alleine im Gymnasium, also vor der Universität, musste man fließend Griechisch und Latein schreiben können, Geschichte und weitere geisteswissenschaftliche Fächer beherrschen, Mathematik war selbstverständlich. Es war also ziemlich zeitaufwändig, zu lernen. Und deshalb war es auch noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ein Privileg, Bildung zu erhalten – denn nur wer nicht arbeiten musste, konnte sich bilden.

Dieser Bildungsmangel zeigte sich sehr krass im Vormärz. Die erste starke Bewegung für ein demokratisches Deutschland scheiterte schlicht daran, dass nur eine kleine gebildete Schicht – das sogenannte Bildungsbürgertum – die Pläne unterstützte. Der Rest des Volkes konnte mit etwas wie “Demokratie” nichts anfangen. Die Deutschen waren 1830 bereits seit 1500 Jahren eine diktatorische bzw. feudalistische Herrschaft gewöhnt, außerdem konnten die Deutschen damals – auch bedingt durch Niederlagen gegen Napoleon, das ständige Hin- und Hergezerre zwischen den Großmächten – sehr gut resignieren. Das Gebiet des heutigen Deutschlandes und seiner angrenzenden Staaten war früher immer Spielball der Machtspiele auf dem europäischen Kontinent gewesen.

Als die Preußen dann allerdings die Vorherrschaft in den deutschen Landen übernahmen, gab es die erste große Bildungsreform. Die damals nicht vorgeschriebene, eher rare Bildung wurde damit auf einen Schlag zur Pflicht. Während früher gleich zwei Voraussetzungen – ein gut betuchtes Elternhaus und Intelligenz – nötig waren, um echte Intellektuelle heranzubilden, wurde Bildung schlicht verstaatlicht. Das entreißen der Bildung war einer der ersten großen Schritte im Säkularisierungsstreit zwischen Bismarck und der Kirche und so wurde die “Volksschule”, die bis heute als die “Hauptschule” überlebt hat, eingeführt, um grundlegendes Wissen in Mathematik, Lesen und Schreiben zu vermitteln. Seitdem sank zumindest die Zahl der Analphabeten enorm und es wurde möglich, dass auch intelligente Kinder aus armen Haushalten sich bilden konnten, weil sie mit dem Lesenlernen die Voraussetzung zum Lesen von Büchern erhielten.

Seither ging es mit der deutschen Intellektualität aufwärts, die deutschen wurden gebildeter und gebildeter. Während in Ländern wie Frankreich meist handfest Revolutionen ausgerufen wurden, beschränkten sich die Deutschen auf eine geistige Revolution. Und die fand mit dem langsamen, allmählichen Demokratisierungsprozess auch fruchtbaren Boden. 1921 machte sich diese Bildungsreform Bismarcks zum ersten mal erfolgreich bemerkbar, da die wenigen Intellektuellen von 1832 jetzt im Kampf gegen die Monarchie auch die Unterstützung weiter Teile der Bevölkerung hatten. Zwar konnten die meisten immer noch nichts mit Demokratie anfangen, und zeigten sich auch desinteressiert, wie sich 1933 dann auch in Form des Adolf Hitler bemerkbar machen sollte, doch zumindest die alten herrschenden Adligen merkten, dass man nicht mehr wie in feudalistischen Zeiten dem Volke klar machen kann, dass sie nicht in den Himmel kämen, wenn sie nicht schufteten bis zum Umfallen.

So sorgten die Säkularisierung, die Aufklärung und der Buchdruck dafür, dass in Deutschland ein Bildungssystem eingeführt wurde.
Doch so wie wir es kennen, gab es das Bildungssystem erst nach einer großen Bildungsreform in den 60er Jahren. Dort wurde das Gymnasium allmählich einer breiteren Volksmasse zugänglich gemacht. Seither hat sich das Bildungssystem immer mehr in den Mittelpunkt politischer Diskussionen gerückt und wurde vielfältigen Änderungen unterzogen. Doch die letzten Änderungen haben eher zu einer Verschlechterung des Systems geführt. Vielfach verkommen heute die Schulen, überall bröckelt der Putz und die Fenster sind undicht. Es wird sich nach Meinung des Großteils der Bevölkerung zu wenig um die Bildung gekümmert, dabei ist der Etat mit weit über 11 Millarden Euro noch einer der größten.

Man kann die Entwicklungen nun selbstverständlich als Rückentwicklung betrachten, da Bildung wieder Elitär wird, mittlerweile, könnte man zynisch sagen, sind wir wieder auf dem Standpunkt von 1880. Jeder Mensch erhält zwar grundlegende Bildung, aber nur noch ein Elitärer Kreis kann wirklich problemlos auf Universitäten. Das stimmt selbstverständlich nicht, aber wir sind auf einem guten Weg dahin. Der Staat hat immer weniger Macht, die Wirtschaft immer mehr und Bildung ist heute eine Ware, die je nach Nachfrage günstiger oder teurer ist.

Geisteswissenschaftliche Waren sind wegen geringer Nachfrage extrem teuer, Naturwissenschaften dementsprechend preiswert. Die stetige Effizienzsteigerung macht sich auch in der Bildung bemerkbar, und so kann abermals nur der eine Geisteswissenschaft studieren, der entweder hart dafür arbeitet, oder aber die guten alten Vorsätze Intelligenz und gut Betuchtsein vorweisen kann.

Und just in diesen Tagen, in denen die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander geht, hunderttausende Schüler und Studenten auf die Straße gehen, für bessere Bildung protestieren, in denen antipolitische Gedankenströme sich mehren und das deutsche Volk sich allmählich gegen die Entwicklungen stellt, hat auch der SPIEGEL ein “Plädoyer für ein einheitliches Schulsystem” veröffentlicht.

In diesem seitenlangen Artikel geht der SPIEGEL auf Absurditäten der Bildung ein, darauf, dass hessische Schüler in dutzenden Taxikolonnen über thüringische Schulen herfallen, dass Scharen bayerischer Schüler dafür nach Hessen zur Schule gehen und man gut daran tut, während ein Kind noch zur Schule geht, nicht das Bundesland zu wechseln.
Der SPIEGEL geht damit auf eine Entwicklung ein, die das Schulsystem zur Kleinstaatlichkeit hat verkommen lassen. Wie im Mittelalter versucht jedes Bundesland, besser zu sein, als das andere, und so kommen extrem unterschiedliche Bildungssysteme zustande.

Ein Beispiel kann sogar ich selber bringen. Bis zur neuten Klasse bin ich in NRW zur Schule gegangen. Zur Zehnten Klasse wechselte ich auf ein Gymnasium in Rheinland-Pfalz. Der erste Unterschied war, dass die elfte Klasse dort bereits zur Abiturqualifikation zählte, während in NRW erst ab der 12. Klasse die Qualifikation beginnt. In RLP gibt es drei Leistungskurse, von denen einer kurz vor dem Abitur sozusagen zum Grundkurs degradiert wird, um eine bessere Vergleichbarkeit mit allen anderen Bundesländern zu erreichen, da RLP das einzige Bundesland mit drei LKs ist. Des weiteren ging in RLP das Abitur nur bis einschließlich der 13.1, damit die rheinland-pfälzischen Schüler bereits zum Sommersemester studieren können. All das nennen die Pfälzer Mainzer Studienstufe, kurz MSS.

Zurück in NRW (ich wechselte nach der 12.1 wieder zurück) merkte ich dann sehr heftig den Unterschied. Während ich in RLP gewohnt war, teilweise 10 Zeitstunden in der Schule zu verbringen, drei LKs zu haben und sehr viel für meine Noten tun zu müssen, war das in NRW nicht so. In NRW war ich regelrecht unterfordert, ich merkte deutlich, dass RLP seine Schüler mehr forderte.

Doch das Problem ist leider nur zur Hälfte mit einem besseren Schulsystem gelöst. Wichtig wäre es meiner Meinung nach, falls man denn eine kluge Bevölkerung heranziehen möchte, die Bildung vollkommen aus der Hand der Eltern zu nehmen. Denn auch heute noch kann man gut merken, wie der Einfluss der Eltern auf Kinder wirkt. Für ein Kind von Akademikern ist es bereits zu Gymnasialzeiten vollkommen klar, dass es studieren wird. Da gibt es gar kein Rütteln. Doch in Nicht-Akademikerfamilien fehlt der Ansporn, zu studieren. Die Eltern haben nicht studiert und verdienen auch ihr Geld – warum also sollte ich studieren?

Das merke ich wiederum an mir. Vor zwei Jahren noch war ich der festen Überzeugung, dass ich nur eine Ausbildung machen werde, Mediengestalter war es damals. Meine Mutter war Mediengestalter, mein Vater ebenso, in meiner Familie hat vorher noch niemand studiert.
Dass ich nun doch studieren will liegt nur an eigenem Ehrgeiz und der Erkenntnis, das eine Ausbildung heute nicht mehr soviel wert ist, wie vor fünfzig Jahren. Anders sieht es bei einer bekannten Familie aus. Beide Eltern sind Ärzte und zwei der drei Kinder besitzen die amerikanische Staatsbürgerschaft, sind trilingual geschult und sozial bzw. sportlich extrem engagiert.

Und von daher finde ich, dass der SPIEGEL mit seiner Analyse vollkommen richtig liegt – dieses Bildungsgefälle in Deutschland muss aufhören, doch das ist eben nur die halbe Wahrheit. Viel liegt noch an den Eltern. Kinder lassen sich immer gerne von Eltern beeinflussen und wenn die Eltern den Kindern auch keinen Ehrgeiz vorleben, haben die Kinder genauso wenig Ehrgeiz, falls sie nicht eine der seltenen Eingebungen haben, mehr aus ihrem Leben zu machen.

Außerdem schafft es auch die Politik und die Wirtschaft beide gleichermaßen, die Jugend zu demoralisieren. Ich meine, wir können unseren Kindern nicht beibringen, dass unser demokratisches System jede Änderung zulässt, wenn man sich nur drum bemüht, nur um ihnen dann zu sagen, dass das vielleicht mal so war, aber längst nicht mehr möglich ist.

Die geistige Revolution in Deutschland ist vollzogen worden – und ist jetzt langsam wieder vorbei. Von effizienter Feudalwirtschaft geht es über uneffiziente geistige Demokratie wieder zu einer Effizienz – diesmal der Wirtschaft. Fortschritt, Gewinnmaximierung und Preissenkung um jeden Preis. Und bevor wir diese Gedanken nicht los werden, kann auch kein Schulsystem funktionieren, denn Schule bedeutet immer, der Wirtschaft Arbeitskraft zu nehmen und die Politik durch neue Gedanken zu gefährden.


Jun 25 2010

Über Prestigepolitik und gesellschaftliches Schwarz-Weiß-Denken

Hendrik Erz

Dass die deutsche Politik seit Jahrzehnten stetig langsam auf dem Abwärtsweg befindlich ist, ist ja soweit keine Neuerung. Seit langer Zeit überschütten sich Politiker mit haarsträubenden Gesetzesvorschlägen, von denen mindestens die Hälfte auch durchkommt. Es gab häufig Höhepunkte der Sinnlos-Gesetze, beispielsweise das stark umstrittene BKA-Gesetz oder das Gesetz der STOP-Seiten von Ursula von der Leyen. Doch warum erschaffen Politiker immer wieder derartige Gesetze und sorgen damit bei der Bevölkerung für Unmut?

Nun, zu allererst einmal muss man bedenken, es handelt sich um Berufspolitiker, d.h. morgens nach dem Aufstehen geht es ins Büro, man kümmert sich eben um Regierungsangelegenheiten, und muss eben auch arbeiten. Das heißt, diese Menschen leben für die Politik, und wie der SPIEGEL einmal zutrefflich geschrieben hat, hat sich eine abgekapselte Regierungskaste in Berlin gebildet, die vom Leben in der Straße sprichwörtlich keinen blassen Schimmer (mehr) hat. Denn selbst bürgerliche Politiker, die in einfachen Verhältnissen aufgewachsen sind, vergessen teilweise ihre Wurzeln. Als Politiker geht man nicht mehr hinaus in die Straßen und schaut sich das Bild an.

So sieht man nicht die langen Schlangen vor den Deutschlandweit mittlerweile weit über 600 Tafeln, nicht die ungeheuren Menschenmassen, die an der Agentur für Arbeit anstehen, man sieht nicht den täglichen Überlebenskampf von Familien, deren beide Elternteile Vollzeitjobs haben, und dennoch nicht genügend Geld für die Kinder haben, auch weil Firmen den gesetzlichen Mindestlohn unterwandern. Man sieht nicht, dass Menschen seit Jahrzehnten in Deutschland leben, arbeiten und immer brav alle Steuern und Abgaben entrichten, aber trotzdem keine Staatsangehörigkeit zugeschrieben bekommen und somit immer wieder bangen müssen, nicht abgeschoben zu werden. So zum Beispiel ein paar Leute aus meiner Abiturstufe, welche ihr Abitur auch bestanden haben.

Viele Gesetze, mit denen Politiker angeblich so etwas beheben wollen, laufen ins Leere. So werden zwar Einwanderungsbeschränkungsgesetze erlassen, aber die wahren Sozialschmarotzer, nämlich Ausländer, welche angeblich ohne Identität nach Deutschland einreisen und Asyl beantragen und sich dann in große Ghettos einbürgern, in welchen der deutsche Rechtsstaat ausgehebelt ist, werden davon nicht erfasst. In solche Ghettos traut sich teilweise sogar die Polizei nicht mehr herein, und hier kann auch keine Einwanderungsbehörde ebendies verhindern, zumal diese Clans untereinander sehr stark zusammenhalten und sich auch vor Gericht gegenseitig sehr unterstützen.

Ähnlich verhält es sich mit den beiden großen Rockergruppen in Deutschland, die sich in einer Grauzone des Gesetzes bewegen, welche sich aber so gut selbst schützen können, dass die Polizei beispielsweise in Duisburg, einer der Hauptorte, sich nicht mehr in das von ihnen beherrschte Rotlichtviertel traut.
Doch diese beiden Geschichten sind nur zwei große Teile der ganzen Tragödie in Deutschland, die beweist, dass Gesetze oftmals die Falschen treffen, da die “Richtigen” in der Lage sind, sich dieser Gesetze zu entziehen.

Doch das ist nur ein Aspekt dieser Politik. Der zweite wirkt durchaus schwerer – nämlich die im Titel erwähnte Prestigepolitik. Unter Prestigepolitik verstehe ich eine Politik mit dem Ziel, ein gutes Gesicht zu haben. Die heutige deutsche Politik basiert nicht auf einer durchdachten und guten Gesetzgebung, sondern auf einem guten Gesicht in den Medien. Tagespresse und Rundfunk haben staatlich verankert einen Bildungsauftrag an die Bevölkerung und genug Zeitschriften, darunter sicherlich auch der SPIEGEL, lassen die Politiker gerne kritisiert dastehen. Viele Aspekte und Gesetze werden lieber negativ als positiv gesehen. Und der unbescholtene Bürger sieht dann ein Bild von einem bösen Politiker, welches durch die Meinungsmache der BILD noch verstärkt wird und die Bürger so eine vorgefertigte Meinung der Zeitung übernehmen. Der deutsche Michel mit Schlafmütze.

So kommt es in der Bevölkerung zu einem starken Schwarz-Weiß-Denken. Jeder Politiker ist erst einmal gut. Doch sobald es eine einzige negative Schlagzeile über ihn gibt, ist er genauso schnell weg wie die Eintagsfliegen in den deutschen Charts. Die Meinung über Politiker kann schnell umschlagen, so hat man es bei der CDU gesehen, mit den Affären der letzten Zeit. Die CDU hat viele Stimmen eingebüßt. Doch trotzdem war sie noch stärker als die SPD; auch weil man der SPD nicht zutraut, dass sie unser Land korrekt regieren könne. Auch noch teils Altlasten aus Hartz-IV-Zeiten.

Aber so begibt es sich, dass deutsche Politiker sich einen Dreck um vernünftige Gesetzgebung scheren. Die meisten Menschen wählen nicht nach guten Gesetzen, sondern nach guten Wahlversprechen und einer schönen Öffentlichkeitsarbeit. Das Modell Amerika hier in Deutschland. Je mehr Wahlplakate mit umso seriöserem Auftreten von einer Partei aufgestellt sind, um so sicherer bekommt sie viele Stimmen. Was dann letztlich die Realpolitik ist, ist vielen Menschen egal. Sie vertrauen darauf, dass sie schon gut regiert werden. Außer wenn Klöpse wie Agenda 2010 kommen, was das Image einer ganzen Partei binnen Wochen rapide einbrechen lässt.
Obwohl die Agenda 2010 ein Beispiel für Schwarz-Weiß-Denken ist, denn es gibt sicherlich Punkte innerhalb dieses Reformprogrammes, welche sehr durchdacht sind, doch dank Hartz IV ist sofort der gesamte Block schlecht.

Darum vermeidet beispielsweise die CDU eben so etwas. Überstürzte Taten will niemand sehen. Die CDU hält sich im Hintergrund; sie handelt dann, wenn es irgendwo droht, wirklich extrem abzusinken und die Wähler sauer werden, doch solange das nicht passiert setzt sich die Partei und beobachtet weiter. Angela Merkel macht sich hierbei sehr gut als Galleonsfigur.

Aber solange sich im Deutschen Volk nur intellektuelle Eliten, Professoren, Journalisten, Historiker und einige wenige linksradikale Gruppierungen wirklich Angebote und Vorschläge zum Ändern machen, kann sich nichts ändern. Denn um wirklich Änderungen durchzusetzen braucht man in einer Demokratie bekanntlich eine Mehrheit, und die kann sich nicht bilden, solange wir im Volk eine derartige Desorientierung vorfinden. Und interessanterweise sorgt der Politikunterricht selbst für diese Politikverdrossenheit. In 2 oder 3 Jahren Politikunterricht in der Schule habe ich 3 Artikel des Grundgesetzes, ein paar politische Schlagworte und das Wahlsystem gelernt – mehr nicht. Da dieser Stoff auch sehr wenig war, wurde er stetig wiederholt. Kein Wunder also, dass viele Jugendliche Politik als verdammt langweilig und unnötig abstempeln.

Und so kommt es, dass die Politiker einfaches Spiel haben: Viele Bevölkerungsschichten werden mit den Schattenseiten der Politik konfrontiert und verlieren dadurch das Interesse in die Politik, und die wenigen, die sich noch für Politik interessieren, wählen dann die konservativen Parteien, wie CDU, CSU und FDP – denn sie gehören zu der Volksschicht, an wessen Geld eben diese Parteien mit ihren Gesetzen nicht gehen. Und die letzten paar verstreuten Menschen, die denken, Wählen müsse man dann doch noch, die wählen die Partei, welche die beste Öffentlichkeitsarbeit gemacht hat.

Genau dadurch ist es möglich, dass heute das Grundgesetz in vielen Teilen abgeschafft oder verändert wurde (das heutige Grundgesetz weist viele Artikel als [aufgehoben] auf) und die Gesetze immer mehr und immer stärker dafür sorgen, dass eine große Schere zwischen Arm und Reich auftritt. Und solange diese Art der Prestigepolitik und dieses krasse Schwarz-Weiß-Denken über Politiker noch vorherrscht, wird es niemals eine Person geben, die nur deshalb oft gewählt wird, weil sie verdammt intelligente Gesetze macht. Solange der deutsche Michel seine Schlafmütze nicht verbrannt hat, wird sich in Deutschland gar nichts bewegen.


Jun 21 2010

Vom Glauben, einer Kontrollinstanz, zum Dschihad

Hendrik Erz

Wir schreiben das Jahr 2010. Jesus, der Prophet, Gottes Sohn, ist seit knapp 2000 Jahren tot und auch die Nachfolger Jesu, die kirchlichen Institutionen scheinen vor dem Aus – zumindest in Europa. Es wirkt fast so, als hätte Nietzsche mit seinem Ausruf „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“ allmählich recht, denn im Ursprung der christlichen Kirche sind die Menschen zunehmend desillusioniert, was Kirche und Glauben angeht, doch das liegt nur marginal an Marx und Nietzsche.

Als vor 2000 Jahren Jesus von Nazareth geboren wurde, dachte auf der ganzen Welt niemand an so etwas wie die Bibel. Die Menschen in Palästina, damals unter römischer Verwaltung und allesamt Juden, hatten genügend mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen, denn obwohl sie die römischen Errungenschaften wie feste Straßen und eine Kanalisation nicht schlecht fanden, wollten sie dann doch lieber autonom bleiben. Ständig gab es Aufstände und die zionistischen Anhänger wollten sich autonom erklären. Nicht selten stand dabei die Ehre des römischen Imperators auf dem Spiel.

Die Geschichte, mit der die Entstehung des Christentums begonnen wird, ist landläufig bekannt. Jesus wird geboren, in einer Krippe unter einem Stern, weil eine Volkszählung stattfindet und die Hotels alle überfüllt sind – sogar ohne Mehrwertsteuersenkung. Drei Weise aus dem Morgenland kommen heran und bringen Geschenke – Myrrhe, Weihrauch und Gold, für den künftigen „König“ der Christen. Dann wächst Jesus heran, vollbringt Wunder und predigt seinen eigenen, neuen Glauben. Und das, obwohl er Jude ist. Nicht selten bringt er nämlich die streitbaren Palästinenser gegen sich auf und so gibt es auch die Geschichte, in welcher Jesus in eine Synagoge geht und die Händler im Vorhof aufmischt. Er prangert an, dass mit dem jüdischen Glauben hier Geld gemacht werde, was so nicht sein darf.

Später bringen ihn dann die Juden, respektive die Römer, zu Fall und kreuzigen ihn kurzerhand. Mit knapp 30 Jahren endet das Leben des Messias in Jerusalem. Doch seine Jünger machen weiter, sie tragen sein Gedankengut weit in die Welt hinaus, vier seiner Schützlinge, Markus, Matthäus, Lukas und Johannes schreiben je ein Evangelium, welche das neue Testament der Bibel ausmachen. Doch erst knapp 300 Jahre später, im Jahre 325, wird die eigentliche Bibel, das Werk, welches wir heute kennen, vom Konzil von Nicäa beschlossen und zusammengefügt. Kaiser Konstantin, selbst zu Lebzeiten Heide und erst auf dem Sterbebett getauft, beauftragte Vertreter der damaligen, eher losen Kirchenökumene damit, religiöse, christliche Texte zusammenzutragen und zu ordnen, um eine Art Regelwerk für den christlichen Glauben auf der ganzen Welt zu erschaffen. Futter für die Löwen, die nämlich zu dieser Zeit kurz davor standen, Rom durch ihren Glauben in Stücke zu reißen. Konstantins einziger Ausweg war die Erklärung des Christentums zur Hauptreligion.

Und so entstand nach endlosen Diskussionen endlich das fertige Werk, damals noch ausschließlich auf hebräisch, unterteilt in altes und neues Testament; in Entstehung der Welt und die Wirken Jesu. Sehr schnell begannen Schreiber damit, die Bibel in griechisch und Latein zu übersetzen, die Bibel wurde in der gesamten Welt verteilt, und sie verlieh den Christen ein wenig mehr Konsistenz.

Auch die Kirche selbst festigte sich nach und nach. Statt dem gemeinschaftlichen Prinzip, in welchem jeder Teil einer einzelnen, kleinen Ökumene gleichberechtigt war, jeder Mensch soviel wert wie die anderen war, erforderte die rasche Ausbreitung des Christentums, die nicht immer mit Jesus’ Methoden stattfand, wie auch der sehr empfehlenswerte Film Agora – Säulen des Himmels zeigt, schnell organisatorische Strukturen, und so begab es sich, dass die Kirche im Laufe der Jahrhunderte immer mehr zu einem zentralistischen System wurde, mit ihrem Zentrum im Vatikan. Das Vatikansgebiet war eine Schenkung eines römischen Kaisers an die katholische Kirche.

Nach dem Zusammenbruch des römischen Imperiums dann, als etliche Horden aus dem nordöstlichen Europa in Italien einfielen, überlebte der Vatikan und die christliche Kirche und konnte als neuer Zusammenhalt der Menschen fungieren. Denn nachdem mit einem Schlag sämtliche Repressionen und auch sämtliche Autorität von Rom aus weg war, brauchten die Menschen einen neuen Zusammenhalt, der ihnen durch das Christentum gekommen war. Viele Stämme waren durch die römische Herrschaft konvertiert, in einige Stämme kam das Christentum von selbst. Und so breitete sich das Christentum in Europa in der Effizienz und Geschwindigkeit aus, wie es die römischen Imperatoren mit dem römischen Reich gerne gesehen hätten.

Und dann, kurz nach der Jahrtausendwende, genauer gesagt im Jahr 1095 besann sich dann ein Papst, Urban II., in Clermont wieder auf die Ursprünge und so rief er mit dem Spruch „Gott will es!“ zum ersten offiziellen Araberschlachten, genannt Kreuzzug, auf. Sein Vorgänger Gregor VII. konnte leider nicht den Startschuss geben. Sein Vorhaben, zweifelhafte Berühmtheit zu erlangen, wurde vom zu dieser Zeit wütenden Investiturstreit überschattet. Historisch gesehen ist der Investiturstreit immerhin nichts anderes als die Vetternwirtschaft, die Griechenland heute in die Pleite geführt hat. :)

Fest steht, dass der Kreuzzug vier Jahre später dann auch endlich dampfend um die Ecke rollte und die Araber etwas überraschte. Immerhin hatten sie seit knapp 600 Jahren die Herrschaft über Palästina, die nie zuvor jemand in Frage stellte, und hatten nicht damit gerechnet, dass die Christen urplötzlich auf die Idee kämen, sich Palästina zu schnappen, nur weil es einmal zu Rom gehört hat, was zu dieser Zeit ja faktisch nicht mehr existierte. Jedenfalls schafften es die Kreuzritter trotz ihrer Rüstungen, die Stadtmauern von Jerusalem zu stürmen und die Stadt einzunehmen.

Es folgte das übliche Prozedere nach Belagerungen – die siegreichen Recken rannten durch die Straßen, meuchelten die halbe Bevölkerung und schändeten knapp 90% aller „heidnischen“, also von anderen Religionen gebauten, Heiligtümer. Die dabei zerstörte Kultur war unersetzlich und selbst der Fall des World Trade Centers 2001 dürfte einen Witz gegen Jerusalem darstellen, in kultureller wie menschlicher Sicht. Nachdem die Kreuzvandalen dann die Stadt endlich komplett durchsucht hatten, stand die Stadt unter westlicher Kontrolle. Und das für lange Zeit.

Die Folgen für die palästinensische Bevölkerung waren erschreckend. In Jerusalem konnten sie ihren Glauben kaum noch ausleben, zu groß war die Zahl und Macht der Christen. Und im Umland waren außer Schneisen der Verwüstung auch viele Burgen anzutreffen, Herrenhäuser von Menschen, die man heute als „Neureiche“ bezeichnen würde, die ihre „Untertanen“ ausnutzten und das feudalistische System Europas auf den nahen Osten ausweiteten.

Ein weiterer Nebeneffekt der Kreuzzüge war allerdings auch die Gründung diverser Ritterorden, so zum Beispiel die Johanniter oder die Tempelritter. Letztere wurden quasi das Blackwater des Mittelalters, allerdings mit wesentlich mehr Macht und einer besseren Organisationsstruktur. Außerdem haben wir diesen netten Menschen immerhin das Schecksystem zu verdanken.

Mehr über die Kreuzzüge und über die Mentalität der Christen und Muslime zur damaligen Zeit finden sich mundgerecht schöngefärbt im Film Königreich der Himmel.

Weiter geht die christliche Mordserie dann mit zwei ebenfalls recht bekannten Begriffen, die allerdings den wenigsten Menschen heute noch wirklich geläufig sein dürften: Inquisition und Hexenverfolgung.

Die Inquisition kam Ende des 13. Jahrhunderts auf, also etwa zur Zeit des letzten Kreuzzuges, und zielte darauf ab, politische wie ideologische Feinde der Kirche auszumerzen. Propagiert als ein Mittel, Glaubensverräter zu bestrafen, war es der ideale Kaperbrief für europäische Länder, politische und ideologische Feinde loszuwerden. Besonders in Spanien entglitt die Inquisition nach und nach den Händen der Kirche und so wurde es zu einem Mittel der spanischen Regierung, politische Gegner leicht loszuwerden, und das ganze sogar noch mit der Unterstützung des hoch gläubigen Volkes.

Hexenverfolgung wiederum ist ein oft verwendeter Begriff. Viele Menschen heute zeigen mit dem Finger auf die Kirche und beschuldigen sie, am Tod von Millionen Frauen schuldig zu sein. Das stimmt zwar, ist aber in etwa so, als würde man die Zahl Pi auf glatt 3 festlegen. Sicherlich hat die Kirche mit dem Malleus Maleficarum, dem Hexenhammer sehr viel in die Richtung gerudert, doch war sie nicht ausführendes Organ. Bei jeder Verbrennung war zwar ein Priester anwesend, doch kam niemals eine Anschuldigung aus dem Klerus selbst. Fast alle Anschuldigungen müssen wohl so geklungen haben: „Der Nachbar ist eine Hexe! Ich hab es genau gesehen!“

Der Nutzen ist ersichtlich – wenn der Nachbar tot ist, steht da ein wunderbares Haus, mit viel grünerem Gras als das eigene. Und so sollen wohl viele, viele Hexenprozesse abgelaufen sein. Jemand schwärzt einen Konkurrenten oder unliebsamen Nachbarn an und schon steht ein Haus mehr leer. Sogar der Klerus selbst blieb manchmal nicht verschont davon. Während nämlich die Inquisition lediglich eine Art englische Fuchsjagd war, also Jagen nur für die adeligen Herrscher, so war die Hexenverbrennung quasi DSDS – jeder darf mitvoten. Und somit wäre auch das Schuldproblem geklärt – das Volk selbst hat einen Großteil der Drecksarbeit erledigt, ganz wie zu Zeiten Hitlers.

Doch wie naiv Glauben wirklich machen kann, zeigt eine Geschichte aus einer völlig anderen Ecke des Planeten. Spanische Konquistadoren waren etwa um die Zeit der Inquisition auch in Südamerika unterwegs und erforschten die Bodenschätze der Maya- und Aztekenvölker. Gleichermaßen wollten sie – völlig unverbindlich – den „Heiden“ das Christentum näher bringen. So gab ein berühmter spanischer Konquistador einem Herrscher eine Bibel. Aufgrund Sprachschwierigkeiten konnte man ihm aber nicht klar machen, dass die Bibel ein Buch mit Seiten und Buchstaben war. Der heidnische Herrscher dachte, die Bibel würde zu ihm sprechen (oder etwas vergleichbares), da er in ihr aber keinen Nutzen sah, warf er sie in den Staub. Das war in den Augen der Spanier Gotteslästerung und so bliesen sie zum Angriff…
Diese Geschichte ist auch eine hübsche Parabel darüber, welchen Wert eine Religion für Menschen anderer Religionen haben kann.

Nach und nach ging dann der Zoff innerhalb der Kirche weiter, es spalteten sich nach und nach immer mehr christliche Sekten ab, die Evangelisten, Kalvinisten und weitere Gruppen machten sich selbstständig. Sogar der englische König begründete die britische Kirche, nur um erneut heiraten zu dürfen. Der Starrsinn der festgefahrenen Elite des Klerus sorgte für erhebliche Schwächeanfälle des Systems – ähnlich dem politischen System heute in Deutschland, auch wenn das noch ein wenig demokratischer ist, als die katholische Kirche.

Und so sorgten nicht nur etliche Abspaltungen von Leuten, die ihr eigenes Ding durchziehen wollten, sondern auch gleichermaßen Menschen wie Nietzsche, Marx und weitere deutsche Philosophen, dafür, dass die Kirche allmählich an Substanz verlor.

Ende des 18. Jahrhunderts dann verlor die Kirche nach und nach sogar die Macht über die Politik, besonders in Deutschland zeigte Bismarck seine Macht über die Kirche, indem er die Hochzeit und die Bildung kurzerhand verstaatlichte. Auf einmal war es Pustekuchen mit leicht gemachtem Geld, wie zu Zeiten des Ablasshandels.
Selbstverständlich stellte das noch keine große Gefahr für den Vatikan dar, immerhin wurde zu der Zeit der Glauben in den USA ein sehr großer Renner. Und somit ist das Christentum wohl die einzige Industrie, die sich selbst unbewusst „geoutsourced“ hat – von Europa in die USA.

Während in Deutschland langsam der Materialismus stark überhand nahm, war man also in den USA immer noch streng gläubig, und so ist es auch heute nicht verwunderlich, wenn es in Amerika noch viele tiefgläubige christliche Sekten gibt. Religionsunterricht ist immer noch in einigen Bundesstaaten ein großer Teil des Unterrichtes und dazu kommt ein Faktor, der der katholischen Kirche stark in die Hände spielt: Amerika ist kein Land, welches Bildung als extrem cool empfindet. In Amerika hat man schon seit jeher lieber auf die Kraft Gottes, als auf Darwin vertraut.

Für ein relativ oberflächlich gewordenes Volk, welches längst nicht mehr den Glanz der Unabhängigkeitserklärung von 1776 innehat ist es eben einfacher, darauf zu vertrauen, alle Sünden seien ihnen vergeben und sie werden ihren „American Dream“ leben können, statt Bücher zu wälzen und für sein Glück selbst zu kämpfen. Ein Graus für jeden Kapitalisten. Doch hier hat sich das Fernsehen und das Internet derart verselbstständigt, dass eine Kontrolle nicht mehr möglich ist – eBook statt Bibliothek. Der Mensch ist faul und Amerika ist das beste Beispiel dafür, dass geistiger Hedonismus auch zu einer übertriebenen Glaubensannahme führt.

Doch was passierte in Europa, während in Amerika Mathematik und Biologie langsam durch Abakus und die Bienchen-Blümchen-Theorie ersetzt wurden? Nun, hier hat die Kirche einen immer schlechteren Status. Was einst mit ein paar wilden Theorien von Marx und Nietzsche begann, hat sich allmählich als neuer Volks-Unglauben durchgesetzt. Man glaubt, die Kirche sei nur noch was für alte Menschen. Man glaubt, es gibt keinen Gott. Der wirkliche Glauben ist irgendwo zwischen Exportweltmeisterschaft und Hartz IV versunken. In Deutschland ist der Glauben an Gott ersetzt worden durch den Glauben an eine bessere Welt. Nirgendwo sonst schwindet der Einfluss der Kirche so derart wie in Europa.

Die Menschen sind desillusioniert, der Atheismus findet starken Zulauf und immer mehr Menschen finden den christlichen Gott nicht mehr interessant. Und so begibt es sich, dass es zahlreiche neue Glaubensrichtungen gibt. Während die normale Religion des Christentums eher alten Menschen zugeschrieben wird, orientieren sich Jugend und Erwachsene am Heidentum, am Neopaganismus, aber auch am schlichten Atheismus. Es gibt mittlerweile derart viele Möglichkeiten, einen Glauben zu haben, dass das Angebot einem Supermarkt gleich kommt. Und viele bedienen sich auch wie in einem Supermarkt.

Was aber ein Fehler vieler Menschen ist, mag das Schwarzweiß-Denken sein. Viele Menschen begehen den Fehler, sich für eine Religion zu entscheiden, dann aber alle anderen Religionen als wertlos zu betrachten – ein weiteres Beispiel für den Wert von Religion. Und so kommt es beispielsweise auch zu den Religionskriegen, wie in Irland oder eben der klassische Konflikt Islam vs. Christentum. In solchen Situationen zeigt sich, dass religiöser Fanatismus eben das falsche Mittel zum Zweck ist.

Denn während Neopaganisten friedlich neben Christen leben können und Juden kein Problem mit dem Leben innerhalb einer atheistischen Umgebung haben, so scheint es mir paradox, dass sich andere Leute wegen ihrer Ideologie derart zanken können. Und doch haben wir das große Problem, dass diese Konflikte seit Urzeiten geschwelt haben. Ursprünglich waren sie aus Gründen der persönlichen Politik angefangen worden, muslimische Herrscher wollten mehr Macht in der Welt haben, ebenso wie der Papst oder weitere westliche Herrscher. Daher nutzten sie den damals fest verankerten Glauben, um unbändige Kräfte zu mobilisieren. Nur ist das Problem, dass die „Altlasten“, unsere heutige fanatische Gesellschaft in einigen Teilen der Welt, immer noch aktiv sind, und heute mit noch stärkerer Brutalität die Kreuzzüge vergangener Tage weiterführen.

Eine neue Möglichkeit, Glauben zu leben, wäre demnach, einen sozial verträglichen Glauben zu erschaffen, eine Art Glauben, der zwar sehr fest verankert ist, und an dem man sich immer festhalten kann, egal, was passiert, der aber anderen Personen nicht einen Glauben vorschreibt oder sie dafür diffamiert, was sie glauben. Ein Glauben, der sagt, dass man den anderen glauben lassen muss, was man will. Ein Glauben, der intelligent ist und sich flexibel an veränderte Situationen anpassen lässt. Ein Glauben, in dem nicht eine versteinerte Institution die Kontrolle hat, diese im schlimmsten Falle sogar ausnutzt, wie zum Beispiel bei diesen Kindesmissbrauchsfällen, sondern ein Glauben, der sich wieder auf die Grundsätze des Glaubens beruft.

Beim Christentum wäre das beispielsweise eine Rückkehr zur alten Ekklesia, der alten Gemeinschaft, in der in provisorischen Häusern oder anderen Orten, denen man nichts religiöses ansieht, oder eben spartanischen Kirchen, eine kleine Gemeinschaft von gleichberechtigten Gläubigen Gottesdienste feiert, wo der gelebte Glauben ungestört ausgeführt werden kann. Es wäre gewissermaßen ein Rückschritt für den Fortschritt.

Die Welt hat sich eben schneller und einfacher verändert, als jahrhundertealte Traditionen sich anpassen können und so bleibt nur zu hoffen, dass irgendwann einmal der gläubige Dickschädel der Welt ersetzt wird durch intelligenten Glauben, wie ihn heute viele jüngere Generationen vor leben, als eine Möglichkeit, alten Glauben mit neuem Gedankengut zu vereinen. Und das dann bitte ohne Absurditäten, wie einem streng christlich-religiösem Museum, welches Darwins Evolutionstheorie mit der Genesis zu vereinen versucht.


Jun 5 2010

Israel – Ein Platz an der Sonne?

Hendrik Erz

Seit knapp 62 Jahren gibt es nun Israel, gegründet nach dem zweiten Weltkrieg von jüdischen Volksleuten im Gebiet zwischen Jerusalem und dem Mittelmeer. Innerhalb des Staates liegen so mehr oder minder sämtliche christlichen und jüdischen Heiligtümer, wie Jerusalem, Bethlehem und das Tote Meer (Man erinnere sich an die Geschichte von Sodom und Gomorrah). Und genau dieser Punkt macht Israel angreifbar. Denn es gibt Menschen, die Israel diese Heiligtümer streitig machen wollen. Am ehesten tun dies die Palästinenser, welche im Gaza-Streifen und im Westjordanland leben. Die Palästinenser im Gaza-Streifen, seit 2007 unter der Regierung der Hamas machen den Israeliten seit der Gründung des Staates diese Heiligtümer streitig und wollen einen eigenen, völkerrechtlich anerkannten Staat.

An diesem seit Jahrzehnten brodelndem Krieg zwischen Palästinensern und Israeliten zeigt sich in einer krassen Ausführung ein Religionskrieg der Moderne. Denn sowohl Palästinenser als auch Juden haben ein historisch-religiöses Interesse an der Region und gleichzeitig auch irgendwo einen Anspruch darauf, den sie erheben. Nun gibt es aber das Problem, das Israel den Palästinensern keinen eigenen Staat geben möchte und Jerusalem vollständig für sich beansprucht, und die Palästinenser nicht bereit sind, einen gemeinsamen Staat mit den Israeliten zu gründen.

De facto bedeutet das, das sich Israeliten und Palästinenser seit Jahren die Köpfe einschlagen. Die Hamas startet immer wieder Guerillaaktionen auf das militärisch hochgerüstete Israel, welches auch seit Jahrzehnten mit westlichen (vornehmlich deutschen) Waffen beliefert wird, worauf die Israeliten meist mit teilweisen Invasionen auf den Gazastreifen antworten. Seit langer Zeit schon existiert im Gazastreifen nicht einmal mehr grundlegenste Infrastruktur, von diesem ständigen Bekriegen wurden die Gebäude und Städte stark mitgenommen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Gazastreifen wegen der radikalen Hamas, welche international als terroristische Organisation geächtet ist, auch keine internationale Unterstützung erhält.

Doch seit ein paar Tagen kann ein internationales Phänomen der Bestürzung über Israel wahrgenommen werden. Während man sich bereits seit Jahren mit Israel streitet, ob es denn eine Atommacht sein dürfe, oder nicht, gibt es seit 2007 eine See- und Landblockade des Gazastreifens. Sogar innerhalb der internationalen Gewässer versucht Israel mit Erfolg, seine Interessen durchzusetzen und blockiert jegliche Transporte in den Gazastreifen, jüngst war dies eine ganze Hilfsflottilie von pro-palästinensischen Organisationen, welche unter Anwendung von Gewalt in die Gewalt Israels gebracht wurde und schließlich in eine israelische Hafenstadt geschleppt wurde, wo die Ladung in israelische Hand überging. Handel auf die unkonventionelle Art.

Fest steht, dass Israel mit immer brutaleren Methoden versucht, den Gaza-Streifen auszuhungern. Es kommt beinahe einer Belagerung aus dem Mittelalter gleich und die internationalen Kräfte rühren immer noch keinen Finger für die Palästinenser. Und daher gelingt es den Israeliten immer wieder, die Palästinenser immer weiter auszudünnen. Denn die Palästinenser sind zwar das kleinste Problem der Israeliten, aber aufgrund der geographischen Nähe das Lästigste. Denn mit anderen anti-israelischen Anrainerstaaten hat Israel in den vergangenen Jahrzehnten Friedensverträge geschlossen.

Und so versucht Israel nun schon, mit der Begründung der Hamas-Regierung, seit 3 Jahren, den Gaza-Streifen systematisch auszuhungern, doch da immer mehr Unmut in der Bevölkerung des Planeten gegenüber Israels Vorgehensweise laut wird, kommen auch mehr und mehr Feinheiten über diese Belagerung zutage. So zum Beispiel der Angriff auf den Hilfskonvoi in den letzten Tagen. Doch warum blockiert Israel so vehement den Gazastreifen und siedelt ohne Unterlass im Westjordanland?

Nun, zuerst einmal muss man sagen, dass die Nachbarstaaten Israels es mit selbigem Land nicht sehr gut meinen. Kurz nach der Unabhängigkeitserklärung von Israel am 14. Mai 1948 griffen Ägypten, Syrien, Jordanien und der Irak Israel an, weil sie diesen neuen Staat in der Mitte ihrer selbst nicht akzeptieren wollten – nicht zuletzt auch, weil es ein künstlicher neuer Staat mit Unterstützung Europas und Nordamerikas war, der von Großbritannien errichtet wurde.

In der Folgezeit wurde Israel daher immer mehr mit westlichen Waffen ausgestattet und man sorgte dafür, dass es ein Staat der 1. Welt wurde. Doch letztlich führte diese anhaltende Feindschaft unter den eigentlich verbrüderten arabischen Staaten dafür, dass Israel sich halbwegs selbstständig machte. Dies zeigte sich unter anderem im Sechs-Tage-Krieg von 1967 und in den anhaltenden Siedlungsprojekten im Westjordanland sowie der Blockade des Gazastreifens. Und somit hat heute Israel nur noch wenig Unterstützung aus dem Westen, da dieser einerseits diese Siedlungsprojekte und andererseits die Atompläne Israels nicht unterstützt. Somit wurden aus den einstigen Unterstützern Skeptiker und Israel gerät zunehmend in internationale Kritik. Die Vorgehensweise bei den humanitären Hilfstransporten stärkt dieses Bild Israels weiterhin.

Und somit wächst von Tag zu Tag der Druck auf Israel, auch weil einstige Bündnispartner wie die Türkei und Griechenland abspringen und Israel mehr und mehr in der Wüste verdursten lassen. Es bleibt abzuwarten, wie sich die israelische Regierung in den folgenden Wochen äußert, aber ohne ein Einlenken der Regierung sehe ich keine großen Chancen, denn sobald Israel international nicht mehr derart geschützt ist, wird es immer wahrscheinlicher, dass die großen Feinde Israels erneut eine Invasion versuchen werden…


Apr 5 2010

Ein Leben in Freiheit? Warum Menschen auf zwei Arten gegen das System sind.

Hendrik Erz

Seit etlichen Jahrtausenden gibt es Terrorismus. Der Terror ist so alt wie die menschliche Zivilisation. Seitdem es Siedlungen gibt, gibt es immer wieder Menschen, die genau diese Siedlungen angreifen. Auch im 21. Jahrhundert ist diese Bedrohung so akut wie eh und je. Doch die Theorien, wie und warum, ändern sich. Früher waren Anschläge meist politisch begründet. Man wollte unliebsame Feinde loswerden, beispielsweise im Kaiserreich Rom. Im Mittelalter war es genauso. Das Gras auf der anderen Seite des Zaunes sieht eben immer saftiger aus, als das eigene.

Doch im 21. Jahrhundert hat sich die Art des Terrorismus gewandelt. Zwar bleibt der Grund gleich – Politik, aber die Umstände haben sich geändert. Heute morden nicht mehr Menschen im Auftrag eines ranghohen Politikers andere Politiker, heute morden regelrechte Organisationen scheinbar wahllos. Es gibt mehr Kollateralschäden, Terrorismus ist nicht mehr “sauber”. Doch warum gibt es so etwas?

Der Artikel “Terrorismus: Die dritte Generation” hat mich auf eine Idee gebracht. Denn in Zeiten globaler Überwachung, in Zeiten von Social Networks und dieser rasend schnellen Technologisierung entsteht nicht nur eine Schere zwischen Arm und Reich, nicht nur zwischen links und rechts und nicht nur zwischen Welt und Glauben. Sondern auch in den Wertevorstellungen. Die einen Menschen ziehen ein Leben mit viel Technik, Luxus und dem neuesten Schnickschnack vor. Solche Leute machen meist Karriere und bekommen einen Bürojob, viel Geld und machen viel Urlaub.
Die anderen Menschen zieht es zu einem Leben in technischer Armut. Facebook und SchuelerVZ sind gespenstig, man versucht, nicht aufzufallen. Das sind meistens Künstler, Überlebensmeister eben, die es schaffen, jeden Monat genug Geld zum Leben zu erwirtschaften – wie auch immer.

Und dann gibt es noch die ganz Radikalen. Das sind Menschen, denen nicht nur Teile eines Landes, wie beispielsweise der Staat, der Kapitalismus oder die Gesellschaft, auf den Senkel gehen, sondern gleich alle zusammen. Menschen, die sich weder mit dem Staat, der Globalisierung oder mit ihren Nachbarn identifizieren können. Einige sind bereits von ihrer Umgebung so geprägt, andere werden es, wie z.B. im SPIEGEL-Artikel durch Radikalisierung.

Ich vermute, die Menschen sehnen sich wieder nach etwas, an das man glauben kann. Deus Ex Machinima ist von gestern, man möchte wieder den Gott im Himmel. Denn vor dem braucht man sich ja nicht fürchten, oder? Und was, wenn die Christen wieder mit Kindesmissbrauch zu kämpfen haben? Für solche Menschen, die das Leben in einer Technologiegesellschaft ablehnen, ist der Islam wie geschaffen. Islamische Länder sind meist technologisch unterentwickelt und man lebt in einer Mischung aus antiker Siedlungsbautechnik und modernen Waffen, meist aus den Beständen alter russischer Lager.

Dafür kann man sich sicher sein, nicht überwacht zu werden (außer von amerikanischen Drohnen), keinen Streit mit der Technik zu haben und eine Gemeinschaft im Dorf zu haben. Anstatt Nachbarschaftshass in Deutschland nettes Beisammensein. Und bis auf die Akzeptanz des Islams keine Bedingungen. Ist das nicht idyllisch?

Ich finde es äußerst interessant, dass diese Möglichkeiten von den westlichen Regierungen noch nie in Betracht gezogen wurden. Dass man sich noch nicht fragte, warum trotz allem Schutz vor Hasspredigern so viele Deutsche in arabische Länder auswandern. Anscheinend ist man nicht gewillt oder nicht in der Lage, im Regierungsviertel die beiden Aspekte “Junge Menschen sind gegen das System aus Kapitalismus, Globalisierung und Überwachung” und “Junge Menschen wandern zum Islam ab” zu verbinden. Vielleicht wandern die Menschen ja ab, weil sie gegen dieses System sind, und nicht, weil sie von außen radikalisiert wurden. Mir dünkt, die Vorherrschende Vorstellung ist, dass grundsätzlich Punks und linke Autonome den ersten Aspekt und zumeist vom Leben enttäuschte und minderintelligente Menschen den zweiten Aspekt erfüllen. Doch dem ist nicht so. Intelligente und integrierte Menschen sind gegen das System, Menschen, die trotz ihrem Hass auf das System studieren und versuchen, durch Kunst und Demonstrationen ihrem Ärger Luft zu machen. Intelligente und vormals integrierte menschen sind es, die in den Islam abwandern, weil ihnen Demonstrationen nicht weit genug gehen.

Ich meine, gegen wen richtet sich der Hass der beiden Gruppen? Genau: Gegen die Inbegriffe des Kapitalismus und der Globalisierung: Amerika. Und seit neuestem anscheinend auch Deutschland.

Doch wenn die Menschen hier in Deutschland und in Afghanistan doch dasselbe Ziel haben – den Sturz des Kapitalismus, warum vereinen sie sich dann nicht sondern haben auch Angst voreinander? Diese Frage dürfte bestimmt aufgekommen sein. Doch auch hier scheint die Lösung greifbar nah: Im Islam verbinden die Dschihadisten den Kampf gegen den politischen und wirtschaftlichen Westen mit den islamischen Wertevorstellungen, und die passt eben nicht zu den meisten fortschrittlichen Kräften in Deutschland und Europa. Hier will man insgeheim noch den Nachtwächterstaat durchsetzen, um innerhalb die größtmögliche Freiheit zu erreichen, aber man kann und will sich nicht mit den Werten des Islam identifizieren müssen. Aus diesem Grunde werden auch in Zukunft vermutlich alle Bemühungen scheitern, mit dem Terrorismus etwas zu erreichen. Es fehlt der Konsens.
Und so wird es weiter Terrorismus geben, bis eines Tages vielleicht der Große Knall kommt. Doch dazu funktioniert unser System halt doch noch zu gut.


Mar 12 2010

Wandel der Moral, oder: Der Weg zur Matschkultur

Hendrik Erz

In den Jahren nach der Gründung der Bundesrepublik war der Deutsche wieder bedacht auf Fortschritt. Marshall-Plan und Westintegration taten ihr übriges dazu, dass die Deutschen fasziniert auf den Fortschritt, auf die Ideen aus dem freien Amerika, schauten. Man begrüßte jede neue Mode, man begrüßte Mc Donald’s, man begrüßte Coca-Cola. Und das nur, weil Amerika als Ursprung des Kapitalismus, bzw. als dessen bester Vertreter auf Erden, ansah und dank dem Marshallplan und den damit verbundenen Verbesserungen der Meinung war, dass der Kapitalismus dem Sozialismus weit überlegen war.

Doch auch heute, bzw. wieder heute, wo die meisten Deutschen nicht mehr so begeistert von Amerika sind, wie einst, gibt es einen Trend zur Amerikanisierung. Alles, was jetzt noch nicht amerikanisiert ist, muss es werden. Und so geht das ganze auch mit dem Datenschutz. Denn just in den aktuellen Tagen empören sich Datenschützer allerorts um das “Zugangserschwerungsgesetz” und – ganz neu – die Ortungsdienste der amerikanischen Internetunternehmen. Mit ihnen wird es möglich, jede Person anhand ihres Handys zu orten und genau zu sagen, wann eine Person wo ist bzw. war.

Der SPIEGEL hat neulich diesbezüglich einen interessanten Artikel veröffentlicht, in dem es auch um den Wandel der Gewohnheiten ging. Darum, dass man zwar früher das Handy auch verteufelte, aber heute das gleiche auch zu Twitter und co sagt. Heute sagen die Datenschützer genau wie damals, dass diese neuen Technologien, diese neuen Trends unsere Privatsphäre weiter einschränken.

Sicher, das tun sie. Seit Facebook, SchuelerVZ und den ganzen damals aus dem Boden geschossenen Social Networks und der damit verbundenen Veröffentlichung privatester Daten, liefen schon Millionen Datenschützer Sturm. Es sei eine Selbstoffenbarung im Internet und von nicht zu unterschäzender Gefahr. Das sagen sie auch heute – noch. Denn nachdem zuerst viele Stimmen laut wurden, wie schlimm doch das ganze mit den Social Networks sei und wie sehr das doch auch Menschen mit bösen Absichten, seien es Pädophile, Sexualstraftäter oder einfach Räuber, helfe, ihre Opfer genauer unter die Lupe zu nehmen, bevor sie loslegen, werden diese Stimmen heute nicht mehr laut. In den meisten Fällen lässt man sie als uninteressant links liegen, manchmal unterdrückt man sie gar, doch wirklich auf fruchtbaren Boden werden diese Datenschützer nicht mehr gelangen.

Genau dasselbe war es doch damals, zu Zeiten der RAF, als die Bundesregierung zum Ergreifen der Täter die Freiheit der Bürger durch spezielle erlassene Gesetze stark einschränkte, um die RAF hochgehen zu lassen. Und genau dasselbe ist es jetzt wegen der Ortungsdienste. Datenschützer sagen “stop” und wollen nicht weiter gehen, die Konzerne geben grünes Licht und die Regierung beobachtet mit Argwohn. Doch in ein paar Jahren wird das mit den Ortungsdiensten normal sein. Genau wie die neuen RAF-Gesetze damals. Genau wie die Handys.

Doch woran liegt es, dass die ganze Welt nach anfänglichen Bedenken so bedenkenlos private Daten veröffentlicht?

Nun, auf der einen Seite liegt es sicher am Utilitarismus, der vom SPIEGEL angesprochen wird, daran, dass es einfach nützlich ist und man es deshalb haben will. Doch ich denke, dass es nicht nur der ist, der da mitspielt. Denn welcher vernünftige Mensch würde so leichtfertig ein wenig fragwürdigen Nutzen gegen seine eigene Privatsphäre eintauschen?

Das Problem liegt hier in etwas ganz anderem. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und ein paar Eigenschaften machen es den Erfindern leicht, ihre Ideen schnell an den Mann zu bringen:

  • Der Mensch ist faul. Das bedeutet, alles, was ihm den Alltag erleichtert, heißt er gut, egal wie gut oder schlecht es für seine Privatsphäre ist.
  • Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wenn man sich erst einmal an etwas neues, unbekanntes, welches ja grundsätzlich im Gehirn mit Ängsten verknüpft wird, gewöhnt hat, erscheint es freundlich, man beginnt, es zu mögen. So eine Art Stockholm-Syndrom der modernen Zeit.
  • Der Mensch will nicht nachdenken. Besonders Ortungsdienste ersparen dem Menschen Denkarbeit. Statt nachzudenken, was die betreffende Person denn jetzt gerade tun könnte, statt nachzudenken, warum man sie nicht erreichen kann, schaut man bezüglich dieser Ortungsdienste einfach schnell aufs Handy und weiß, was los ist.

Diese Aspekte und bestimmt noch ein ganzer Sack voll mehr sorgen dafür, dass der Mensch jede dieser noch so fragwürdigen kleinen Gadgets akzeptieren wird und der Mensch sich selbst gläsern macht. Denn, und das ist der Witz an der Sache, der Mensch wird nicht gläsern gemacht, er macht sich selbst, vollkommen bewusst und freiwillig gläsern. Denn jede bedenkliche Neuerung bezüglich des Datenschutzes müsste nicht so zu einem Hype werden, wenn der Mensch nur nicht so faul wäre. Doch genau das ist das Problem: So etwas neues wird schnell zu einem Hype erklärt, auch vom Menschen selbst, wenn die Erfinder den Wolf im Schafspelz präsentieren.

Und das ganze führt ganz allmählich zu einem Wandel der Moral. Genau wie bei der ’68er-Bewegung findet auch hier dieser Wandel statt, und man akzeptiert Dinge, die man vorher für absolut verwerflich gehalten hat. Ich meine, klar, es ist eine Art von Fortschritt und Fortschritt muss a) sein und kann b) nicht verhindert werden, doch meiner Meinung nach sollte man etwas vorsichtiger in dem Umgang mit so etwas sein. Denn es gibt einen Unterschied zwischen Sozialem und Technik.

Technischer Fortschritt ist unaufhaltsam und wird uns irgendwann vermutlich zu einer Welt voller Raumfahrer machen, Menschen, die vielleicht die Galaxis beherrschen. Möglichkeiten, wie das aussehen kann, gibt es zur Genüge. Falls gerade nichts präsent ist, sollte ein Blick ins Fernsehen reichen.

Doch Sozialer Fortschritt sieht meiner Meinung nach anders aus, als das, was wir momentan haben. Das, was ich zu diesem Thema beizutragen habe, dürfte auch noch für eine ganze Reihe von Artikeln reichen, doch knapp zusammengefasst sind die momentanen Hauptströme Globalisierung, Multikulturalismus und öffentliche Entblößung Wegweiser zu einer “Matschgesellschaft”, in der es keine einzigartigen Kulturen mehr gibt, sondern nur eine einzige Standardgesellschaft, bestehend aus nur gleichen Menschen ohne wirkliche Eigenheiten. Und wie das wiederum aussehen kann, hat uns eine Southpark-Folge gezeigt, in der ein Mensch aus der Zukunft auf die Erde kommt. Wer nicht weiß, von wem ich rede, der sei auf die Folge 806 – Goobacks (“Immigranten aus der Zukunft”) verwiesen.

An Zukunftsvisionen mangelt uns schließlich nicht, und obwohl ich zugeben muss, dass viele davon pure Fantasie sind, so treffen einige doch durchaus eine Möglichkeit, die in Betracht gezogen werden sollte. Und meiner Meinung nach sollten sich die Menschen mal mehr auf ihre Moral besinnen, mehr auf das, was sie selbst immer mehr entblößt. Es sei denn, mehr als 50% der Weltbevölkerung stimmen dafür, alte Kulturen, Bräuche, Traditionen, Sprachen und individuelle Eigenheiten der Völker einfach zu verbannen und eine Einheitskultur zu erschaffen. Aber wie war das gleich? Wenn Millionen Menschen eine Dummheit erzählen, bleibt es immer noch eine Dummheit…

Zitate von damals, irgendwo sind sie doch verdammt klug. Und warum sind die meisten Zitate nur schon so alt, hm? Wenn das eure Urgroßeltern wüssten! Aber nun gut, sich drüber aufregen, dass die Welt so kaputt ist, bringt nun einmal leider nichts, also kann ich hier nur die Aufforderung loslassen, denkt darüber nach, was ihr tut. Denkt darüber nach, ob ihr eine Einheitskultur wollt, oder ob ihr so ein paar Individualitäten schützen wollt.


Mar 9 2010

Terrorismus: Wie der Feind in der technologischen Steinzeit verschwindet

Hendrik Erz

Seit Jahrzehnten kämpfen die Amerikaner in Afghanistan gegen Terroristen. Die Taliban, eine Eliteeinheit, die ursprünglich von den Amerikanern ins Leben gerufen wurde, um die Russen aus Afghanistan zu drängen, hat sich, nachdem sie von Amerika fallen gelassen wurden, wie eine heiße Kartoffel, gegen ihre einstigen Geldgeber gewandt und wollen nun ihr Land zurück von den eingefallenen Amerikanern. Dass die Taliban als Untergrundkämpfer ein schwerer Brocken für die US-Armee sind, wurde längst bewiesen. Doch was ist mit den Technologien, die – immer moderner – in Afghanistan zum Einsatz kommen?

Jüngst hat der SPIEGEL ein Dossier zum Thema Drohnenkampf herausgebracht und dokumentiert die neue Strategie in Afghanistan. Mit diesen unbewaffneten Killermaschinen will die US-Armee die Taliban endgültig ein für alle Male ausschalten. Und bisher scheint es zu gelingen: Neben Hunderten vertuschten zivilen Opfern sterben auch tagtäglich Talibankämpfer. Angeblich sollen es nur noch 50 sein. Doch was geschieht, wenn das so weiter geht?

Die westliche Welt wird immer technologisierter, der Mensch selbst muss kaum noch etwas machen, er sitzt hinter Stahlbeton geschützt und schickt unbemannte Fluggeräte und Fahrzeuge heraus, um den Feind zu töten, ohne selbst in Gefahr zu geraten.

Die Taliban sind in arger Bedrängnis, aber nicht dumm. Längst agieren sie unauffälliger, verwischen ihre Spuren deutlicher und schießen teils auch die Drohnen ab. Ebenso verschwindet westliche Technik aus dem Repertoire der Kämpfer. Es ist eindeutig eine Entwicklung hin zu sehen, dass die Taliban Technik aufgeben, um unsichtbar zu werden. In der heutigen Zeit der Überwachung muss der Mensch eben alles aufgeben, was ihn identifizieren könnte. Es findet eine Rückkehr zum realen Leben ohne Technik statt, Technik wird immer gespenstischer, weil man immer mehr machen kann. Es ist beinahe ironisch, dass gerade zeitgleich zu diesem Dossier auch ein sehr großes Botnet ausgehoben wurde.

Doch man sieht – immer mehr Terroristen beginnen, die Technik auszutricksen, wo es nur geht. Und vielleicht gelingt es auch irgendwann. Denn dann ginge der “Kampf gegen den Terror” in eine neue Runde und die USA wären wieder gezwungen, konventionelle Maßnahmen zu ergreifen. Oder sie kesseln einfach alle “bedrohlichen” Länder ein, sodass keine Terroristen mehr entkommen können.

Ich bin ehrlich gesagt gespannt, zu sehen, wie sich die Situation entwickelt und bin irgendwie froh, dass die Terroristen sich zu wehren wissen. Denn – ohne den USA zu nahe treten zu wollen – aber was werden die USA tun, wenn alle ihre “natürlichen Feinde” besiegt sind? Was tut der Mensch, jetzt wo seit Jahrhunderten alle natürlichen Feinde ausgerottet sind und der Mensch an der Spitze der Nahrungskette steht? Was tut er nun? Und was werden somit die USA tun?

Mir graut es ehrlich davor, wenn sich die USA Europa zuwendet. Politik muss sich weiterentwickeln. Es darf/soll keinen Status Quo geben, bei dem keine Politik mehr betrieben werden muss, weil alle Gesetze soweit perfekt sind, also muss sich etwas verändern. Und da ist nun einmal Europa im Fadenkreuz der Amerikaner.

Darum hoffe ich darauf, dass die Amerikaner noch lange in Afghanistan zu tun haben werden, und uns in Ruhe lassen.


Feb 1 2010

Warum die deutsche Bildung so entgleist

Hendrik Erz

Seit Jahrhunderten predigen deutsche Studenten für bessere Bildung. Bereits mit der 48er-Revolution im März des Jahres 1848 stießen diese Proteste deutscher Studenten, damals noch gepaart mit dem Wunsch nach Presse- und Meinungsfreiheit, das erste mal massiv an die Öffentlichkeit. Damals war die Spitze das Hambacher Fest, bei welchem viele bekannte Persönlichkeiten Reden über ein besseres Deutschland, über den Liberalismus und die Aufklärung gehalten haben. Und die Bildung sollte sich bessern. Zwar nicht sofort, aber mit dem Ende der Kleinstaaterei und dem Beginn des Bismarck-Staates 1870 begann nach und nach eine stille Revolution im Schulwesen, die sich bis in die heutige Zeit voransetzte. Aber das Problem Bildung blieb bestehen. Zwar räumte man den Schülern wesentliche Vorteile ein, und bot bessere Studienmöglichkeiten und mehr Schulen. Es gab die Schulpflicht, Schulbesuche wurden kostenlos und das Züchtigungsgebot der Lehrer wurde abgeschafft, man setzt auf moderne Erkenntnisse in der Lernforschung und macht Unterricht effizienter.

Aber soviel man den Studenten auch gab, da die Deutsche Politik seit Jeher immer nur eine Politik des Aufbaus gewesen ist – nach den napoleonischen Kriegen und zwei verlorenen Weltkriegen, die allesamt immer in totaler Zerstörung der Infrastruktur endeten, brauchte man eben Wirtschaftswachstum und den Aufstieg – hat man Universitäten eröffnet, bestehende gefördert und die Schulen verstärkt gebaut. Aber es wurde nicht erhalten. Seitdem die Schulen existieren waren sie auf gut Deutsch dem Untergang geweiht. Nur selten bekam eine Schule einmal eine Sanierung spendiert, die wenigsten Schulen älter als 10 Jahre sehen heute noch ansehnlich aus. Sie sind herunter gekommen und die Witterung macht sich enorm an ihnen zu schaffen, man kann den Schulen beinahe wie an Bäumen die Jahresringe ablesen.

Und somit wurden die Wünsche der Studenten zwar erfüllt, aber man kümmerte sich nicht weiter drum. Nachdem die Studentenproteste abklangen, sah man keine Notwendigkeit mehr darin, in die Bildung zu investieren. Und obwohl vielerorts gegenteiliges behauptet wird, ist dies heute immer noch so. Die Politik scheint sich einen Dreck um ihre Nachfolgegeneration zu kümmern. “Nach mir die Sintflut”.

An den Schulen sieht man die Misere: Teilweise werden Fernseher aus den 60ern verwendet, es fehlt an Lehrmaterialien, Räumen, Infrastruktur und – ganz extrem – an Lehrern. Die Ausbildung zum Lehrer ist bis auf die Referendarzeit pure Theorie und viel Zettelwirtschaft, vielen Studenten wird der Spaß am Lehrersein systematisch zerstört. Beinahe, als ginge es nach dem Motto “Schule darf keinen Spaß machen, Schule ist Ernst!”. Beispielsweise las ich einmal einen Artikel über das Musiklehrer-Studium. So wurde das gesamte Studium auf theoretischen Problemen aufgebaut und innerhalb eines ganzen Studiums wurde nicht einmal wirklich ausgiebig Musik gemacht, sondern nur grundlegende Dinge, welche man in der Schule eben lehren solle, wurden vertiefend besprochen. Dadurch fehlt vielen Musiklehrern nach ihrem bestandenen Staatsexamen auch jede Lust an der Musik. Und diese Unlust geben sie an ihre Schüler weiter, die ihrerseits kaum noch Spaß an der Musik haben.

Aber so geht es auch nicht nur den Musiklehrern, in anderen Fakultäten ist es doch genauso. Der deutschen Bildung mangelt es an essentiellen Gebieten, aber anstatt es zu bessern, bekommen wir Bildungsminister(innen), respektive Frau Sommer und Schavan, welche sich regelmäßig selbst zur Zielscheibe der Studentenbewegungen machen.

Frau Sommer, ihres Zeichens Bildungsministerin in Nordrhein-Westfahlen, z.B. kämpft seit seiner Einführung mit den Tücken des Zentralabiturs und muss ihren Kopf her halten für misslungene Abiturprüfungen (Für die Lektüre sei hier der “Oktaeder des Grauens” empfohlen) herhalten, für Probleme an den Schulen, die “Stauseen”, wie z.B. an der Uni Duisburg-Essen und muss dafür sorgen, dass ganze Generationen an Schülern nicht einfach ohne Bildung auf die Straße gesetzt werden. Denn besonders seit Einführung des Zentralabiturs sind die Schulen regelmäßig derart überlastet, dass die Stundenpläne von Siebtklässlern teilweise wesentlich krasser ausfallen als Stundenpläne von Nicht-G8-Schülern aus der 11. Klasse. Und genau darin liegt das Problem. Die letzten Nicht-G8-Jahrgänge in Nordrhein-Westfahlen haben zwar keine Probleme, aber wenn die siebte Klasse bereits Unterricht während der Pausen macht und der Anspruch auf Fünfminutenpausen gestrichen wird, lässt das tief blicken.

Denn einerseits liefern solche Aktionen die Argumente dafür, dass die Schulen überlastet sind, die Lehrpläne des Kultusministeriums umzusetzen, und andererseits dafür, dass die Schulen machtlos sind und nichts weiter tun können, als mit dem Abdeckstift über die Akne zu fahren.

Das große Problem der Länder ist, dass Bildung Ländersache ist. Und zwar nur Ländersache. Das ist auf der einen Seite zwar eine gute Idee, da dadurch die Vergleichbarkeit von Abschlüssen innerhalb des Landes enorm ist, aber auf der anderen Seite ist das verhängnisvoll für die Schüler. Denn ich meine mich erinnern zu können, dass ich einmal über G8 geschrieben hatte, dass die schwachen Schüler durch das Raster fallen, und die besonders guten auf das Durchschnittsniveau gedrückt werden.

Und ein weiteres Problem ist, dass das Kultusministerium mit Männern und Frauen besetzt ist, welche bereits seit 20 Jahren keine Schule mehr von Innen gesehen haben. Sie wissen verständlicherweise nicht mehr bescheid über aktuelle Bedingungen an den Schulen und können keine wirklich hilfreichen Lehrpläne mehr gestalten. Sie können zwar Vorgaben machen, aber ob diese überhaupt durchführbar sind – das ist dann keine Ländersache mehr. Das ist Schulsache. Und das führt dann zum Abdeckstift respektive durchgängiger Unterricht – bei einigen Schulen sogar durch die 15-Minuten-Pausen hindurch.

Und Frau Sommer nun obliegt die Kontrolle über die Kommunikation zwischen Kultusministerium und Schulen. Da wundert es nicht, wenn die liebe Frau oft überfordert ist und nicht mehr beide Seiten gleichermaßen mit nötigen Informationen versorgen kann, wie das ganze denn nun gehandhabt werden solle.

Frau Schavan muss aber ebenso misslungene Gesetze ausbaden, wie Frau Sommer. Sagt sie. In einem Interview vor kurzem für den SPIEGEL redet sie viel. Über Stipendien und den Bologna-Prozess. Was sie natürlich ganz anders gemacht hätte. Aber leider wurde der Bologna-Prozess von ihrer Vorgängerin Bulmahn initiiert, sodass sie machtlos war und nun nur noch mit dem Abdeckstift unterwegs ist. So will sie das Stipendiensystem verändern. Sie plant, weitere Stipendien für die angehenden Studenten bereit zu stellen, je zur Hälfte von Staat und Wirtschaft gezahlt, welche außer den schulischen auch politische und soziale Leistungen berücksichtigen sollen. Auf die Frage hin, warum man mit genau demselben Geld das BAFöG nicht noch einmal um 10% erhöht, um die Möglichkeiten für alle Schüler gleich zu halten, wiegelt sie ab, das BAFöG solle doch erhöht werden und wurde bereits 2008 erhöht.

Und so geht sie weiter und greift den Bologna-Prozess auf. Dieser werde von vielen Studenten begrüßt und müsse lediglich noch verbessert werden. Sie redet um den heißen Brei herum, merkt aber gleichzeitig nicht, wie sie einen Rassismus oberster Güte propagiert. Laut ihr soll eine Elite gefördert werden und der ganze Rest, welcher laut seiner Leistungen eben nicht für ein Stipendium in Frage kommt, was mit dem geschieht, darüber redet sie nicht. Immer wieder geht sie nur darauf ein, wie sehr Leistung honoriert werden solle. Zum geflügelten Wort wird ihr Leitsatz “Es gibt kein gerechteres Kriterium als Leistung”. Und so schwärmt sie nahezu von leistungsstarken Studenten, also der zukünftigen Elite und verliert kein Wort über schwächere Studenten, die einfach ein Studium haben möchten, um überhaupt noch im Arbeitsmarkt aktiv werden zu können.

Denn auf der einen Seite kann ich die Argumentation der Frau durchaus verstehen. Das Problem dabei ist nur, dass dies reines Wunschdenken ist, denn es ist utopisch, anzunehmen, dass heute noch viele Menschen mit einer Ausbildung glücklich werden. Sicher – Ausbildungsplätze gibt es noch und auch Jobs – aber die schrumpfen. Nie zuvor in der Geschichte gab es so einen massiven Abbau an Stellen für normale Angestellte. Viele Tätigkeiten werden heute von Maschinen übernommen, andere Tätigkeiten sind einfach nicht mehr nötig, und so fällt eine gesamte Jobbasis weg. Heutzutage wirklich sicher sind nur Jobs, welche nicht von Maschinen übernommen werden können – eben die Positionen von Führungskräften der Wirtschaft, Politik und geisteswissenschaftliche Bereiche. Durch technologischen Fortschritt und die Globalisierung  verändert sich die Welt nun einmal, aber die Politik scheint noch keine Möglichkeit gefunden zu haben, die dadurch leidtragenden Menschen aufzufangen.

Und es ist nun einmal absehbar, dass in naher Zukunft enorme Slums entstehen werden. Auf der einen Seite die großen Innenstädte mit ihren Wolkenkratzern, in denen Wirtschaftsmogule ihrer Arbeit nach gehen werden dann den Vorstadtbaracken arbeitsloser Menschen gegenüberstehen. Es besteht die Gefahr einer Dualgesellschaft – zwei Gesellschaften in einer und während die eine bereits das All bereist, fängt die andere wieder an, Feudalwirtschaft zu betreiben. Und so ist es eben möglich, dass die sich jetzt schon alleine die durch die Politik von Frau Schavan initiierte Spreizung der Schere zwischen Arm und Reich noch größer wird und zu einer technologischen Schere wird. Und dann ist StarWars nicht mehr so fern, wie gedacht.

Doch was hilft das viele Mosern und Meckern, solange wir so eine Politik haben? Fakt ist, dass unsere Bildungsminister ziemlich viel in den Sand setzen und dadurch eben die Schere zwischen Arm und Reich vergrößern, da sie den Mittelstand nicht abfangen vor dem Abrutschen. Und so wundern sich unsere Politiker weiter, warum die Studenten so böse sind. Ich sehe uns beinahe wieder in der Zeit des Vormärz. Guten Tag.


Jan 13 2010

Avatar revisited

Hendrik Erz

Vor ein paar Tagen habe ich mich ja über meine Erfahrungen aus Avatar ausgelassen. Selbstverständlich habe ich mich über den raubbauartigen Aspekt ausgelassen, darüber, dass ein paar Weiße einfach in eine vollkommen perfekte Welt eindringen und die Ureinwohner dort vertreiben wollen, um den Planeten auszurotten. Ich bin auf die Schiene “Böser Weißer, lieber Na’vi” eingegangen und habe auch diese Meinung vertreten. Aber ich habe noch viel mehr erwähnt, ich bin mehr auf den ausschließlich weißen Teil eingegangen, habe nur erwähnt, wie blöd die Menschheit doch ist und in diesem Film dargestellt wird, auf die Na’vi bin ich weniger eingegangen. Selbstverständlich fand ich die Na’vi sympathischer als die Menschen, was vermutlich auch so gedacht war. Und danach bin ich nur noch auf die Tulpen eingegangen. Ist also eher ein kleiner Abstecher nach Avatar gewesen.

Während ich aber größtenteils auf die Natur und die kollossalen Schäden an unserer eigenen Umwelt eingegangen bin, habe ich mich nicht einmal ansatzweise über den rassischen Gegensatz Mensch <-> Na’vi eingegangen, weil Rassismus für mich nie ein Thema war. Ich hatte nie Probleme, bspw. einen Schwarzen als absolut gleichwertig anzusehen, die Ku-Klux-Clan-Ideologie wäre an mir vielleicht verschwendete Liebesmühe, aber dadurch ging ich eben nicht auf diesen Aspekt ein. Ein anderer Blogger allerdings ging darauf ein, und zog erstaunliche Parallelen zu vielen anderen Filmen, welche ich aber zum größten Teil leider nicht gesehen habe oder, im Fall von Dune, als ich noch zu klein war. Ich fand es interessant, auch diesen Aspekt einmal zu beobachten, auch wenn er für mich weniger Relevanz hat.

Aber obwohl dieser Blogger auf englisch schreibt und es daher etwas kompliziert werden könnte, ihn zu lesen (Ich kenne eure Englischkenntnisse ja nicht^^), möchte ich euch den Artikel When Will White People Stop Making Movies Like “Avatar”? vom io9-Blog empfehlen.

Es ist eine andere Sichtweise, und ich finde es wichtig, auch diese Seite zu beleuchten. Avatar mausert sich ja zum gar unglaublichen Kritikfilm, sowohl positiv als auch negativ…