Pauschalisieren – eine Volkskrankheit
Wir leben in einem demokratischen Land, und in einem demokratischen Land braucht es Bürokratie. Denn ohne Bürokratie wären wir keine Demokratie sondern eine Oligarchie. Doch wie so oft beschwert sich das Volk über die großen Wartezeiten, überlastete Ämter und störrische Beamte. Oftmals kommen Formulare doppelt oder gar nicht, das Amt verlangt Dinge, die man bereits vor mehreren Monaten längst abgeschickt hatte und streicht wild Zuschüsse, beinahe willkürlich.
Offiziell steht der Beamtenapparat in der Politik nur sehr selten zur Diskussion – die Realität sieht ganz anders aus.
Mittlerweile ist sogar immer öfter ans Licht gekommen, dass die Agentur für Arbeit gerne zuviel als zuwenig streicht; einerseits, weil viele Menschen der Sozialschmarotzerei verdächtigt werden, was ich hier auch gar nicht bestreiten will, und andererseits, weil der Staat und damit auch die ARGE ziemlich pleite sind.
Das Problem ist hier, wie so oft, es trifft die Falschen. Immer wieder werden Menschen Zuschüsse gestrichen, die ganz brav und artig wirklich sämtliche Voraussetzungen erfüllen und ebenso brav alles melden, was zu melden ist. Andere, welche eben nicht alles melden, kassieren dementsprechend größere Summen, als ihnen eigentlich zustünde. Ehrlichkeit wird auch hier – logischerweise – bestraft. Immerhin: Warum sollte man noch mehr Geld dafür aufwenden, Sozialschmarotzer zu kassieren, wenn man ganz einfach den Ehrlichen etwas weg nehmen kann?
Der Mensch ist faul, und die ARGE macht da auch keine Ausnahme.
Doch anstatt stetig mehr Geld einzubehalten, anstatt es wirklich Bedürftigen zukommen zu lassen und stattdessen die aufgeblähte Beamtenmaschinerie abzubauen, treibt man das Spielchen nur noch weiter. So wurde jetzt ein Fall von Denunziation bekannt, bei dem ein Nachbar seine Nachbarin beim Arbeitsamt angeschwärzt hatte. Danach strömten Beamte aus, um die Beweise zu erhärten und strichen daraufhin kurzerhand sämtliche Förderungen. Denunzieren wie in den guten alten Zeiten.

Fest steht, dass hier die ARGE auf teilweise sehr makabere Art versucht, Geld einzusparen, doch was sind die Schlussfolgerungen, die man daraus zieht?
Der Bürgermeister erkennt hier kein Fehlverhalten und ist dementsprechend mit der Arbeit der ARGE und der Stadtverwaltung absolut zufrieden.
Cut. Andere Stadt, genauer gesagt Krefeld. Hier fordert ein SPD-Abgeordneter der Stadtverwaltung den Stopp beim Stellenabbau im Beamtenapparat.
Er begründet dies damit, dass er an der Führungsriege die hochmotivierten und -qualifizierten Arbeiter nicht verlieren will. Und das ist besonders hier in Krefeld ein typischer Fall von Kurzsichtigkeit und schizophrenem Denken.
Denn er möchte keinen Personalabbau, weil er seine Mitarbeiter für hochmotiviert und schon beinahe zu überlastet hält. Oftmals seien Mitarbeiter der Stadtverwaltung überlastet mit ihrer Arbeit und benötigten demnach eher noch Hilfe.
So, aber da kann ich gleich ein Gegenargument bringen. Vor einer Woche habe ich meinen Wagen wieder angemeldet, und bin dementsprechend zum Straßenverkehrsamt.
Dort angekommen bin ich von Beamten zu Beamten gelaufen. Einer war zuständig dafür, die Fahrzeugbriefe auszustellen, einer dafür, auf die Nummernschilder die Plaketten zu kleben, und noch einer war dafür zuständig, das alles zu kontrollieren und zu managen. Daneben gibt es genau eine einzige Kasse, ander sich regelmäßig ellenlange Schlangen bilden. Die Beamten machen oftmals Pause, reden gerne untereinander und das sogar, wenn Menschen warten.
Und solange Krefeld kein besonders schlechtes Beispiel ist, ist dies ein Muster dafür, wie kurzsichtig und schizophren Menschen an Dinge heran gehen. Vieles wird pauschalisiert. Genau wie Gesetze nur einigen Menschen helfen, und viele andere behindern, wenn sie kaum durchdacht sind, so geht dies auch im Denken der Menschen – nicht nur der Politiker – vonstatten.
Oft findet man in heutiger Zeit Fälle von “Wir haben 1000 Beamte. Die brauchen zuviel Geld.” Man sieht – absichtlich oder unbeabsichtigt – nicht, dass die ARGE überbelastet ist und das Straßenverkehrsamt (zum Beispiel) absoluten Leerlauf produziert.
Mir scheint, dass sich viele Menschen heutzutage einfach nicht mehr die Mühe machen, für ihr Geld zu arbeiten, wenn es um die Politik geht.
Viele, viele Politiker pauschalisieren – wenn ein Autofahrer Knightrider nachspielen möchte und dabei Mutter, Vater und zwei Kinder tötet, müssen alle Autofahrer bluten. Wenn ein Mensch das Sozialamt betrügt, betrügen alle mit. Wenn ein Mensch “Heil Hitler!” ruft, sind wir Deutsche alle Nazis. Wenn wir eine unbeliebte Bundeskanzlerin haben, ist gleich die gesamte Politikerschicht schlecht.
Wir leben in einer Zeit, die auf Effizienz aufbaut, und zu diesem Typ von Effizienz zählt eben auch, nicht tausende Individuen, sondern eine gleiche Masse von Menschen zu haben. Oftmals schlägt sich dies in eben diesen pauschalisierenden Aussagen oder Gesetzen nieder. Niemand macht sich mehr die Mühe, ein Gesetz anzupassen und lange zu überdenken, und das verursacht viele Missstände. Weil die Hartz-IV-Gesetze nicht individualisiert wurden, sondern nur durchgeprügelt werden sollten, bilden sich heute lange Schlangen vor den deutschen Tafeln, nur weil Hartz-IV von vielen Schmarotzern ausgenutzt wird, werden vielen Familien schlicht die Existenzgrundlagen genommen. Nur weil ein Politiker mit Kinderpornographie auf dem Handy erwischt wurde, soll ein Zensursystem geschaffen werden, um solche Seiten zu blockieren. Wobei diese Zensur sogar noch eine Ebene weiter ist.
Doch wer ist schuld an der Misere? Ich sage: Wir selbst.
Weil die Politik nicht mehr fürs Volk, sondern nur noch gegeneinander arbeitet, müssen die Parteien teilweise wirklich gute Gesetze (Ja, auch Bologna und Agenda 2010 hätten wirklich gut werden können) beschneiden, kastrieren und entschärfen, nur damit die unliebsame Opposition dem zustimmt und man am Ende der Legislaturperiode etwas vorweisen kann. Nur, weil die Politik gegeneinander und für die Wirtschaftslobby arbeitet, nur weil die Politik ihren Regierungsgrundsatz aus den Augen verloren hat, nur deswegen kommen solche Gesetze zustande, werden nicht geblockt und kommen durch, obwohl ein Großteil des Volkes unzufrieden ist.
Und was machen wir? Nichts. Wir schlucken viel zu viele unnötige Reformen, und erst, wenn wir selber wirklich betroffen sind, weil wir beispielsweise den Job verlieren und auf Hartz-IV angewiesen sind, werden wir aktiv und bemängeln das System mal offensiv. Deutschland ist ein Land von passiven, resignierten Menschen, die alles so lange unterstützen, wie sie selbst nicht (offensichtlich) betroffen sind. Der Deutsche kann verdammt gut abstrahieren, sich selbst aus dem Geschehen hinaus projizieren und dann die anderen denunzieren.
Aber ob das in anderen Ländern besser ist? Ich vermute nicht. Wir Deutschen sind schon ein merkwürdiges Volk, aber ich glaube, auch in den ach so hoch gelobten Ländern wie Schweden, Finnland und Dänemark gibt es genügend soziale Missstände, doch dafür fehlt mir hier die Vergleichsgrundlage.
Um so etwas zu verbessern, müssen wir eben selbst Hand anlegen. Und das geht am besten, wenn man solche kleinen Regionalpolitiker wie Herrn Frank Meyer in Krefeld einmal von seiner Kurzsichtigkeit überzeugt. Denn im Kleinen fängt es an. Aber (Selbst-)Kritik steht ja niemandem gut.
Mal sehen, was noch alles passiert, bevor so viele Menschen wirklich betroffen sind und die Augen demnach nicht mehr abwenden können, dass etwas passiert.
Doch dann kommt das nächste Problem: Deutsche haben auch Probleme damit, sich untereinander zu großen Gruppen zusammenzuschließen und nicht gegeneinander für das selbe Ziel zu arbeiten.
