Jun 25 2010

Über Prestigepolitik und gesellschaftliches Schwarz-Weiß-Denken

Hendrik Erz

Dass die deutsche Politik seit Jahrzehnten stetig langsam auf dem Abwärtsweg befindlich ist, ist ja soweit keine Neuerung. Seit langer Zeit überschütten sich Politiker mit haarsträubenden Gesetzesvorschlägen, von denen mindestens die Hälfte auch durchkommt. Es gab häufig Höhepunkte der Sinnlos-Gesetze, beispielsweise das stark umstrittene BKA-Gesetz oder das Gesetz der STOP-Seiten von Ursula von der Leyen. Doch warum erschaffen Politiker immer wieder derartige Gesetze und sorgen damit bei der Bevölkerung für Unmut?

Nun, zu allererst einmal muss man bedenken, es handelt sich um Berufspolitiker, d.h. morgens nach dem Aufstehen geht es ins Büro, man kümmert sich eben um Regierungsangelegenheiten, und muss eben auch arbeiten. Das heißt, diese Menschen leben für die Politik, und wie der SPIEGEL einmal zutrefflich geschrieben hat, hat sich eine abgekapselte Regierungskaste in Berlin gebildet, die vom Leben in der Straße sprichwörtlich keinen blassen Schimmer (mehr) hat. Denn selbst bürgerliche Politiker, die in einfachen Verhältnissen aufgewachsen sind, vergessen teilweise ihre Wurzeln. Als Politiker geht man nicht mehr hinaus in die Straßen und schaut sich das Bild an.

So sieht man nicht die langen Schlangen vor den Deutschlandweit mittlerweile weit über 600 Tafeln, nicht die ungeheuren Menschenmassen, die an der Agentur für Arbeit anstehen, man sieht nicht den täglichen Überlebenskampf von Familien, deren beide Elternteile Vollzeitjobs haben, und dennoch nicht genügend Geld für die Kinder haben, auch weil Firmen den gesetzlichen Mindestlohn unterwandern. Man sieht nicht, dass Menschen seit Jahrzehnten in Deutschland leben, arbeiten und immer brav alle Steuern und Abgaben entrichten, aber trotzdem keine Staatsangehörigkeit zugeschrieben bekommen und somit immer wieder bangen müssen, nicht abgeschoben zu werden. So zum Beispiel ein paar Leute aus meiner Abiturstufe, welche ihr Abitur auch bestanden haben.

Viele Gesetze, mit denen Politiker angeblich so etwas beheben wollen, laufen ins Leere. So werden zwar Einwanderungsbeschränkungsgesetze erlassen, aber die wahren Sozialschmarotzer, nämlich Ausländer, welche angeblich ohne Identität nach Deutschland einreisen und Asyl beantragen und sich dann in große Ghettos einbürgern, in welchen der deutsche Rechtsstaat ausgehebelt ist, werden davon nicht erfasst. In solche Ghettos traut sich teilweise sogar die Polizei nicht mehr herein, und hier kann auch keine Einwanderungsbehörde ebendies verhindern, zumal diese Clans untereinander sehr stark zusammenhalten und sich auch vor Gericht gegenseitig sehr unterstützen.

Ähnlich verhält es sich mit den beiden großen Rockergruppen in Deutschland, die sich in einer Grauzone des Gesetzes bewegen, welche sich aber so gut selbst schützen können, dass die Polizei beispielsweise in Duisburg, einer der Hauptorte, sich nicht mehr in das von ihnen beherrschte Rotlichtviertel traut.
Doch diese beiden Geschichten sind nur zwei große Teile der ganzen Tragödie in Deutschland, die beweist, dass Gesetze oftmals die Falschen treffen, da die “Richtigen” in der Lage sind, sich dieser Gesetze zu entziehen.

Doch das ist nur ein Aspekt dieser Politik. Der zweite wirkt durchaus schwerer – nämlich die im Titel erwähnte Prestigepolitik. Unter Prestigepolitik verstehe ich eine Politik mit dem Ziel, ein gutes Gesicht zu haben. Die heutige deutsche Politik basiert nicht auf einer durchdachten und guten Gesetzgebung, sondern auf einem guten Gesicht in den Medien. Tagespresse und Rundfunk haben staatlich verankert einen Bildungsauftrag an die Bevölkerung und genug Zeitschriften, darunter sicherlich auch der SPIEGEL, lassen die Politiker gerne kritisiert dastehen. Viele Aspekte und Gesetze werden lieber negativ als positiv gesehen. Und der unbescholtene Bürger sieht dann ein Bild von einem bösen Politiker, welches durch die Meinungsmache der BILD noch verstärkt wird und die Bürger so eine vorgefertigte Meinung der Zeitung übernehmen. Der deutsche Michel mit Schlafmütze.

So kommt es in der Bevölkerung zu einem starken Schwarz-Weiß-Denken. Jeder Politiker ist erst einmal gut. Doch sobald es eine einzige negative Schlagzeile über ihn gibt, ist er genauso schnell weg wie die Eintagsfliegen in den deutschen Charts. Die Meinung über Politiker kann schnell umschlagen, so hat man es bei der CDU gesehen, mit den Affären der letzten Zeit. Die CDU hat viele Stimmen eingebüßt. Doch trotzdem war sie noch stärker als die SPD; auch weil man der SPD nicht zutraut, dass sie unser Land korrekt regieren könne. Auch noch teils Altlasten aus Hartz-IV-Zeiten.

Aber so begibt es sich, dass deutsche Politiker sich einen Dreck um vernünftige Gesetzgebung scheren. Die meisten Menschen wählen nicht nach guten Gesetzen, sondern nach guten Wahlversprechen und einer schönen Öffentlichkeitsarbeit. Das Modell Amerika hier in Deutschland. Je mehr Wahlplakate mit umso seriöserem Auftreten von einer Partei aufgestellt sind, um so sicherer bekommt sie viele Stimmen. Was dann letztlich die Realpolitik ist, ist vielen Menschen egal. Sie vertrauen darauf, dass sie schon gut regiert werden. Außer wenn Klöpse wie Agenda 2010 kommen, was das Image einer ganzen Partei binnen Wochen rapide einbrechen lässt.
Obwohl die Agenda 2010 ein Beispiel für Schwarz-Weiß-Denken ist, denn es gibt sicherlich Punkte innerhalb dieses Reformprogrammes, welche sehr durchdacht sind, doch dank Hartz IV ist sofort der gesamte Block schlecht.

Darum vermeidet beispielsweise die CDU eben so etwas. Überstürzte Taten will niemand sehen. Die CDU hält sich im Hintergrund; sie handelt dann, wenn es irgendwo droht, wirklich extrem abzusinken und die Wähler sauer werden, doch solange das nicht passiert setzt sich die Partei und beobachtet weiter. Angela Merkel macht sich hierbei sehr gut als Galleonsfigur.

Aber solange sich im Deutschen Volk nur intellektuelle Eliten, Professoren, Journalisten, Historiker und einige wenige linksradikale Gruppierungen wirklich Angebote und Vorschläge zum Ändern machen, kann sich nichts ändern. Denn um wirklich Änderungen durchzusetzen braucht man in einer Demokratie bekanntlich eine Mehrheit, und die kann sich nicht bilden, solange wir im Volk eine derartige Desorientierung vorfinden. Und interessanterweise sorgt der Politikunterricht selbst für diese Politikverdrossenheit. In 2 oder 3 Jahren Politikunterricht in der Schule habe ich 3 Artikel des Grundgesetzes, ein paar politische Schlagworte und das Wahlsystem gelernt – mehr nicht. Da dieser Stoff auch sehr wenig war, wurde er stetig wiederholt. Kein Wunder also, dass viele Jugendliche Politik als verdammt langweilig und unnötig abstempeln.

Und so kommt es, dass die Politiker einfaches Spiel haben: Viele Bevölkerungsschichten werden mit den Schattenseiten der Politik konfrontiert und verlieren dadurch das Interesse in die Politik, und die wenigen, die sich noch für Politik interessieren, wählen dann die konservativen Parteien, wie CDU, CSU und FDP – denn sie gehören zu der Volksschicht, an wessen Geld eben diese Parteien mit ihren Gesetzen nicht gehen. Und die letzten paar verstreuten Menschen, die denken, Wählen müsse man dann doch noch, die wählen die Partei, welche die beste Öffentlichkeitsarbeit gemacht hat.

Genau dadurch ist es möglich, dass heute das Grundgesetz in vielen Teilen abgeschafft oder verändert wurde (das heutige Grundgesetz weist viele Artikel als [aufgehoben] auf) und die Gesetze immer mehr und immer stärker dafür sorgen, dass eine große Schere zwischen Arm und Reich auftritt. Und solange diese Art der Prestigepolitik und dieses krasse Schwarz-Weiß-Denken über Politiker noch vorherrscht, wird es niemals eine Person geben, die nur deshalb oft gewählt wird, weil sie verdammt intelligente Gesetze macht. Solange der deutsche Michel seine Schlafmütze nicht verbrannt hat, wird sich in Deutschland gar nichts bewegen.


Jun 21 2010

Vom Glauben, einer Kontrollinstanz, zum Dschihad

Hendrik Erz

Wir schreiben das Jahr 2010. Jesus, der Prophet, Gottes Sohn, ist seit knapp 2000 Jahren tot und auch die Nachfolger Jesu, die kirchlichen Institutionen scheinen vor dem Aus – zumindest in Europa. Es wirkt fast so, als hätte Nietzsche mit seinem Ausruf „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“ allmählich recht, denn im Ursprung der christlichen Kirche sind die Menschen zunehmend desillusioniert, was Kirche und Glauben angeht, doch das liegt nur marginal an Marx und Nietzsche.

Als vor 2000 Jahren Jesus von Nazareth geboren wurde, dachte auf der ganzen Welt niemand an so etwas wie die Bibel. Die Menschen in Palästina, damals unter römischer Verwaltung und allesamt Juden, hatten genügend mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen, denn obwohl sie die römischen Errungenschaften wie feste Straßen und eine Kanalisation nicht schlecht fanden, wollten sie dann doch lieber autonom bleiben. Ständig gab es Aufstände und die zionistischen Anhänger wollten sich autonom erklären. Nicht selten stand dabei die Ehre des römischen Imperators auf dem Spiel.

Die Geschichte, mit der die Entstehung des Christentums begonnen wird, ist landläufig bekannt. Jesus wird geboren, in einer Krippe unter einem Stern, weil eine Volkszählung stattfindet und die Hotels alle überfüllt sind – sogar ohne Mehrwertsteuersenkung. Drei Weise aus dem Morgenland kommen heran und bringen Geschenke – Myrrhe, Weihrauch und Gold, für den künftigen „König“ der Christen. Dann wächst Jesus heran, vollbringt Wunder und predigt seinen eigenen, neuen Glauben. Und das, obwohl er Jude ist. Nicht selten bringt er nämlich die streitbaren Palästinenser gegen sich auf und so gibt es auch die Geschichte, in welcher Jesus in eine Synagoge geht und die Händler im Vorhof aufmischt. Er prangert an, dass mit dem jüdischen Glauben hier Geld gemacht werde, was so nicht sein darf.

Später bringen ihn dann die Juden, respektive die Römer, zu Fall und kreuzigen ihn kurzerhand. Mit knapp 30 Jahren endet das Leben des Messias in Jerusalem. Doch seine Jünger machen weiter, sie tragen sein Gedankengut weit in die Welt hinaus, vier seiner Schützlinge, Markus, Matthäus, Lukas und Johannes schreiben je ein Evangelium, welche das neue Testament der Bibel ausmachen. Doch erst knapp 300 Jahre später, im Jahre 325, wird die eigentliche Bibel, das Werk, welches wir heute kennen, vom Konzil von Nicäa beschlossen und zusammengefügt. Kaiser Konstantin, selbst zu Lebzeiten Heide und erst auf dem Sterbebett getauft, beauftragte Vertreter der damaligen, eher losen Kirchenökumene damit, religiöse, christliche Texte zusammenzutragen und zu ordnen, um eine Art Regelwerk für den christlichen Glauben auf der ganzen Welt zu erschaffen. Futter für die Löwen, die nämlich zu dieser Zeit kurz davor standen, Rom durch ihren Glauben in Stücke zu reißen. Konstantins einziger Ausweg war die Erklärung des Christentums zur Hauptreligion.

Und so entstand nach endlosen Diskussionen endlich das fertige Werk, damals noch ausschließlich auf hebräisch, unterteilt in altes und neues Testament; in Entstehung der Welt und die Wirken Jesu. Sehr schnell begannen Schreiber damit, die Bibel in griechisch und Latein zu übersetzen, die Bibel wurde in der gesamten Welt verteilt, und sie verlieh den Christen ein wenig mehr Konsistenz.

Auch die Kirche selbst festigte sich nach und nach. Statt dem gemeinschaftlichen Prinzip, in welchem jeder Teil einer einzelnen, kleinen Ökumene gleichberechtigt war, jeder Mensch soviel wert wie die anderen war, erforderte die rasche Ausbreitung des Christentums, die nicht immer mit Jesus’ Methoden stattfand, wie auch der sehr empfehlenswerte Film Agora – Säulen des Himmels zeigt, schnell organisatorische Strukturen, und so begab es sich, dass die Kirche im Laufe der Jahrhunderte immer mehr zu einem zentralistischen System wurde, mit ihrem Zentrum im Vatikan. Das Vatikansgebiet war eine Schenkung eines römischen Kaisers an die katholische Kirche.

Nach dem Zusammenbruch des römischen Imperiums dann, als etliche Horden aus dem nordöstlichen Europa in Italien einfielen, überlebte der Vatikan und die christliche Kirche und konnte als neuer Zusammenhalt der Menschen fungieren. Denn nachdem mit einem Schlag sämtliche Repressionen und auch sämtliche Autorität von Rom aus weg war, brauchten die Menschen einen neuen Zusammenhalt, der ihnen durch das Christentum gekommen war. Viele Stämme waren durch die römische Herrschaft konvertiert, in einige Stämme kam das Christentum von selbst. Und so breitete sich das Christentum in Europa in der Effizienz und Geschwindigkeit aus, wie es die römischen Imperatoren mit dem römischen Reich gerne gesehen hätten.

Und dann, kurz nach der Jahrtausendwende, genauer gesagt im Jahr 1095 besann sich dann ein Papst, Urban II., in Clermont wieder auf die Ursprünge und so rief er mit dem Spruch „Gott will es!“ zum ersten offiziellen Araberschlachten, genannt Kreuzzug, auf. Sein Vorgänger Gregor VII. konnte leider nicht den Startschuss geben. Sein Vorhaben, zweifelhafte Berühmtheit zu erlangen, wurde vom zu dieser Zeit wütenden Investiturstreit überschattet. Historisch gesehen ist der Investiturstreit immerhin nichts anderes als die Vetternwirtschaft, die Griechenland heute in die Pleite geführt hat. :)

Fest steht, dass der Kreuzzug vier Jahre später dann auch endlich dampfend um die Ecke rollte und die Araber etwas überraschte. Immerhin hatten sie seit knapp 600 Jahren die Herrschaft über Palästina, die nie zuvor jemand in Frage stellte, und hatten nicht damit gerechnet, dass die Christen urplötzlich auf die Idee kämen, sich Palästina zu schnappen, nur weil es einmal zu Rom gehört hat, was zu dieser Zeit ja faktisch nicht mehr existierte. Jedenfalls schafften es die Kreuzritter trotz ihrer Rüstungen, die Stadtmauern von Jerusalem zu stürmen und die Stadt einzunehmen.

Es folgte das übliche Prozedere nach Belagerungen – die siegreichen Recken rannten durch die Straßen, meuchelten die halbe Bevölkerung und schändeten knapp 90% aller „heidnischen“, also von anderen Religionen gebauten, Heiligtümer. Die dabei zerstörte Kultur war unersetzlich und selbst der Fall des World Trade Centers 2001 dürfte einen Witz gegen Jerusalem darstellen, in kultureller wie menschlicher Sicht. Nachdem die Kreuzvandalen dann die Stadt endlich komplett durchsucht hatten, stand die Stadt unter westlicher Kontrolle. Und das für lange Zeit.

Die Folgen für die palästinensische Bevölkerung waren erschreckend. In Jerusalem konnten sie ihren Glauben kaum noch ausleben, zu groß war die Zahl und Macht der Christen. Und im Umland waren außer Schneisen der Verwüstung auch viele Burgen anzutreffen, Herrenhäuser von Menschen, die man heute als „Neureiche“ bezeichnen würde, die ihre „Untertanen“ ausnutzten und das feudalistische System Europas auf den nahen Osten ausweiteten.

Ein weiterer Nebeneffekt der Kreuzzüge war allerdings auch die Gründung diverser Ritterorden, so zum Beispiel die Johanniter oder die Tempelritter. Letztere wurden quasi das Blackwater des Mittelalters, allerdings mit wesentlich mehr Macht und einer besseren Organisationsstruktur. Außerdem haben wir diesen netten Menschen immerhin das Schecksystem zu verdanken.

Mehr über die Kreuzzüge und über die Mentalität der Christen und Muslime zur damaligen Zeit finden sich mundgerecht schöngefärbt im Film Königreich der Himmel.

Weiter geht die christliche Mordserie dann mit zwei ebenfalls recht bekannten Begriffen, die allerdings den wenigsten Menschen heute noch wirklich geläufig sein dürften: Inquisition und Hexenverfolgung.

Die Inquisition kam Ende des 13. Jahrhunderts auf, also etwa zur Zeit des letzten Kreuzzuges, und zielte darauf ab, politische wie ideologische Feinde der Kirche auszumerzen. Propagiert als ein Mittel, Glaubensverräter zu bestrafen, war es der ideale Kaperbrief für europäische Länder, politische und ideologische Feinde loszuwerden. Besonders in Spanien entglitt die Inquisition nach und nach den Händen der Kirche und so wurde es zu einem Mittel der spanischen Regierung, politische Gegner leicht loszuwerden, und das ganze sogar noch mit der Unterstützung des hoch gläubigen Volkes.

Hexenverfolgung wiederum ist ein oft verwendeter Begriff. Viele Menschen heute zeigen mit dem Finger auf die Kirche und beschuldigen sie, am Tod von Millionen Frauen schuldig zu sein. Das stimmt zwar, ist aber in etwa so, als würde man die Zahl Pi auf glatt 3 festlegen. Sicherlich hat die Kirche mit dem Malleus Maleficarum, dem Hexenhammer sehr viel in die Richtung gerudert, doch war sie nicht ausführendes Organ. Bei jeder Verbrennung war zwar ein Priester anwesend, doch kam niemals eine Anschuldigung aus dem Klerus selbst. Fast alle Anschuldigungen müssen wohl so geklungen haben: „Der Nachbar ist eine Hexe! Ich hab es genau gesehen!“

Der Nutzen ist ersichtlich – wenn der Nachbar tot ist, steht da ein wunderbares Haus, mit viel grünerem Gras als das eigene. Und so sollen wohl viele, viele Hexenprozesse abgelaufen sein. Jemand schwärzt einen Konkurrenten oder unliebsamen Nachbarn an und schon steht ein Haus mehr leer. Sogar der Klerus selbst blieb manchmal nicht verschont davon. Während nämlich die Inquisition lediglich eine Art englische Fuchsjagd war, also Jagen nur für die adeligen Herrscher, so war die Hexenverbrennung quasi DSDS – jeder darf mitvoten. Und somit wäre auch das Schuldproblem geklärt – das Volk selbst hat einen Großteil der Drecksarbeit erledigt, ganz wie zu Zeiten Hitlers.

Doch wie naiv Glauben wirklich machen kann, zeigt eine Geschichte aus einer völlig anderen Ecke des Planeten. Spanische Konquistadoren waren etwa um die Zeit der Inquisition auch in Südamerika unterwegs und erforschten die Bodenschätze der Maya- und Aztekenvölker. Gleichermaßen wollten sie – völlig unverbindlich – den „Heiden“ das Christentum näher bringen. So gab ein berühmter spanischer Konquistador einem Herrscher eine Bibel. Aufgrund Sprachschwierigkeiten konnte man ihm aber nicht klar machen, dass die Bibel ein Buch mit Seiten und Buchstaben war. Der heidnische Herrscher dachte, die Bibel würde zu ihm sprechen (oder etwas vergleichbares), da er in ihr aber keinen Nutzen sah, warf er sie in den Staub. Das war in den Augen der Spanier Gotteslästerung und so bliesen sie zum Angriff…
Diese Geschichte ist auch eine hübsche Parabel darüber, welchen Wert eine Religion für Menschen anderer Religionen haben kann.

Nach und nach ging dann der Zoff innerhalb der Kirche weiter, es spalteten sich nach und nach immer mehr christliche Sekten ab, die Evangelisten, Kalvinisten und weitere Gruppen machten sich selbstständig. Sogar der englische König begründete die britische Kirche, nur um erneut heiraten zu dürfen. Der Starrsinn der festgefahrenen Elite des Klerus sorgte für erhebliche Schwächeanfälle des Systems – ähnlich dem politischen System heute in Deutschland, auch wenn das noch ein wenig demokratischer ist, als die katholische Kirche.

Und so sorgten nicht nur etliche Abspaltungen von Leuten, die ihr eigenes Ding durchziehen wollten, sondern auch gleichermaßen Menschen wie Nietzsche, Marx und weitere deutsche Philosophen, dafür, dass die Kirche allmählich an Substanz verlor.

Ende des 18. Jahrhunderts dann verlor die Kirche nach und nach sogar die Macht über die Politik, besonders in Deutschland zeigte Bismarck seine Macht über die Kirche, indem er die Hochzeit und die Bildung kurzerhand verstaatlichte. Auf einmal war es Pustekuchen mit leicht gemachtem Geld, wie zu Zeiten des Ablasshandels.
Selbstverständlich stellte das noch keine große Gefahr für den Vatikan dar, immerhin wurde zu der Zeit der Glauben in den USA ein sehr großer Renner. Und somit ist das Christentum wohl die einzige Industrie, die sich selbst unbewusst „geoutsourced“ hat – von Europa in die USA.

Während in Deutschland langsam der Materialismus stark überhand nahm, war man also in den USA immer noch streng gläubig, und so ist es auch heute nicht verwunderlich, wenn es in Amerika noch viele tiefgläubige christliche Sekten gibt. Religionsunterricht ist immer noch in einigen Bundesstaaten ein großer Teil des Unterrichtes und dazu kommt ein Faktor, der der katholischen Kirche stark in die Hände spielt: Amerika ist kein Land, welches Bildung als extrem cool empfindet. In Amerika hat man schon seit jeher lieber auf die Kraft Gottes, als auf Darwin vertraut.

Für ein relativ oberflächlich gewordenes Volk, welches längst nicht mehr den Glanz der Unabhängigkeitserklärung von 1776 innehat ist es eben einfacher, darauf zu vertrauen, alle Sünden seien ihnen vergeben und sie werden ihren „American Dream“ leben können, statt Bücher zu wälzen und für sein Glück selbst zu kämpfen. Ein Graus für jeden Kapitalisten. Doch hier hat sich das Fernsehen und das Internet derart verselbstständigt, dass eine Kontrolle nicht mehr möglich ist – eBook statt Bibliothek. Der Mensch ist faul und Amerika ist das beste Beispiel dafür, dass geistiger Hedonismus auch zu einer übertriebenen Glaubensannahme führt.

Doch was passierte in Europa, während in Amerika Mathematik und Biologie langsam durch Abakus und die Bienchen-Blümchen-Theorie ersetzt wurden? Nun, hier hat die Kirche einen immer schlechteren Status. Was einst mit ein paar wilden Theorien von Marx und Nietzsche begann, hat sich allmählich als neuer Volks-Unglauben durchgesetzt. Man glaubt, die Kirche sei nur noch was für alte Menschen. Man glaubt, es gibt keinen Gott. Der wirkliche Glauben ist irgendwo zwischen Exportweltmeisterschaft und Hartz IV versunken. In Deutschland ist der Glauben an Gott ersetzt worden durch den Glauben an eine bessere Welt. Nirgendwo sonst schwindet der Einfluss der Kirche so derart wie in Europa.

Die Menschen sind desillusioniert, der Atheismus findet starken Zulauf und immer mehr Menschen finden den christlichen Gott nicht mehr interessant. Und so begibt es sich, dass es zahlreiche neue Glaubensrichtungen gibt. Während die normale Religion des Christentums eher alten Menschen zugeschrieben wird, orientieren sich Jugend und Erwachsene am Heidentum, am Neopaganismus, aber auch am schlichten Atheismus. Es gibt mittlerweile derart viele Möglichkeiten, einen Glauben zu haben, dass das Angebot einem Supermarkt gleich kommt. Und viele bedienen sich auch wie in einem Supermarkt.

Was aber ein Fehler vieler Menschen ist, mag das Schwarzweiß-Denken sein. Viele Menschen begehen den Fehler, sich für eine Religion zu entscheiden, dann aber alle anderen Religionen als wertlos zu betrachten – ein weiteres Beispiel für den Wert von Religion. Und so kommt es beispielsweise auch zu den Religionskriegen, wie in Irland oder eben der klassische Konflikt Islam vs. Christentum. In solchen Situationen zeigt sich, dass religiöser Fanatismus eben das falsche Mittel zum Zweck ist.

Denn während Neopaganisten friedlich neben Christen leben können und Juden kein Problem mit dem Leben innerhalb einer atheistischen Umgebung haben, so scheint es mir paradox, dass sich andere Leute wegen ihrer Ideologie derart zanken können. Und doch haben wir das große Problem, dass diese Konflikte seit Urzeiten geschwelt haben. Ursprünglich waren sie aus Gründen der persönlichen Politik angefangen worden, muslimische Herrscher wollten mehr Macht in der Welt haben, ebenso wie der Papst oder weitere westliche Herrscher. Daher nutzten sie den damals fest verankerten Glauben, um unbändige Kräfte zu mobilisieren. Nur ist das Problem, dass die „Altlasten“, unsere heutige fanatische Gesellschaft in einigen Teilen der Welt, immer noch aktiv sind, und heute mit noch stärkerer Brutalität die Kreuzzüge vergangener Tage weiterführen.

Eine neue Möglichkeit, Glauben zu leben, wäre demnach, einen sozial verträglichen Glauben zu erschaffen, eine Art Glauben, der zwar sehr fest verankert ist, und an dem man sich immer festhalten kann, egal, was passiert, der aber anderen Personen nicht einen Glauben vorschreibt oder sie dafür diffamiert, was sie glauben. Ein Glauben, der sagt, dass man den anderen glauben lassen muss, was man will. Ein Glauben, der intelligent ist und sich flexibel an veränderte Situationen anpassen lässt. Ein Glauben, in dem nicht eine versteinerte Institution die Kontrolle hat, diese im schlimmsten Falle sogar ausnutzt, wie zum Beispiel bei diesen Kindesmissbrauchsfällen, sondern ein Glauben, der sich wieder auf die Grundsätze des Glaubens beruft.

Beim Christentum wäre das beispielsweise eine Rückkehr zur alten Ekklesia, der alten Gemeinschaft, in der in provisorischen Häusern oder anderen Orten, denen man nichts religiöses ansieht, oder eben spartanischen Kirchen, eine kleine Gemeinschaft von gleichberechtigten Gläubigen Gottesdienste feiert, wo der gelebte Glauben ungestört ausgeführt werden kann. Es wäre gewissermaßen ein Rückschritt für den Fortschritt.

Die Welt hat sich eben schneller und einfacher verändert, als jahrhundertealte Traditionen sich anpassen können und so bleibt nur zu hoffen, dass irgendwann einmal der gläubige Dickschädel der Welt ersetzt wird durch intelligenten Glauben, wie ihn heute viele jüngere Generationen vor leben, als eine Möglichkeit, alten Glauben mit neuem Gedankengut zu vereinen. Und das dann bitte ohne Absurditäten, wie einem streng christlich-religiösem Museum, welches Darwins Evolutionstheorie mit der Genesis zu vereinen versucht.


Jun 8 2010

Politiktheater in Berlin

Hendrik Erz

Und schon wieder tanzt uns das Regierungsviertel in Berlin auf der Nase herum. Wenn sogar schon österreichische Zeitungen von unserer aktuellen Regierungskoalition sagen, sie achte kaum auf Volksbegehren, sondern vielmehr auf eigene Interessen, so muss ich sagen, hat es unsere Regierung zu einer gewissen, unrühmlichen Bekanntheit im Ausland geschafft. Und dies gleich zwei mal.

Auf der einen Seite, so muss man sagen, tun sie es eher diskret mit ihrem Gebahren um den niedersächsischen Ministerpräsidenten Wulff, welcher von der Union zum Kandidaten für das freiwerdende Amt des Bundespräsidenten nominert wurde. So will die CDU sicher gehen, dass Wulff gegen den Herausforderer Gauck gewinnt, obwohl man durchaus sagen kann, dass Gauck wesentlich beliebter beim Volk ist – ein Kriterium, das ein Bundespräsident haben sollte.

Wulff ist ein geradliniger CDU-Politiker, nicht zu weit rechts, nicht zu weit links, genau da, wo die CDU ist. Der SPIEGEL verwendet neuerlich gerne das Wort “Parteisoldat”. Wulff ist einer davon. Er wird von der Union bevorzugt, da er eben den Kurs der aktuellen Regierung trägt, soweit eine logische Idee.

Doch der Gegenkandidat Gauck ist das absolute Gegenteil von Wulff – ein linker Politiker, früher ein Kämpfer gegen die Ungerechtigkeit im DDR-System, heute ein beim Volk sehr beliebter Politiker. Das Volk nominiert den von SPD und Grüne aufgestellten Kandidaten vor Wulff, und die Chancen von Gauck scheinen gut. Auf der einen Seite wird er auch vom Volk unterstützt, auf der anderen Seite scheint er besser in das Amt des Bundespräsidenten zu passen, auch wenn er nicht viel überparteilicher ist, als Wulff. Doch noch hat Schwarz-Gelb die Mehrheit im Bundestag, und so kann es noch durchaus passieren, dass Wulff mit Leichtigkeit gewinnt.

Sollte aber Gauck gewinnen, so hätte Deutschland vermutlich einen Nachfolger Köhlers, der beim Volk ähnliche Beliebtheit genießt. Doch Rot-Grün sieht das lediglich als Möglichkeit, Schwarz-Gelb eins auszuwischen, nicht als demokratischen Fortschritt.
Und ganz außen vor sind dann noch die Linken, deren Stimmen Gauck gut gebrauchen könnte, doch die wollen noch einmal einen eigenen Kandidaten ins Rennen schicken, der mit knapp 130 Linken-Stimmen nicht viel Chancen haben dürfte.

Dazu kommt, dass die CDU auch jetzt schon alles plant, damit möglichst alle Stimmen vom schwarzen Block an Wulff gehen, indem man linientreue “Parteisoldaten” nach Berlin zur Wahl schickt und keine vermeintlich CDU-treuen Personen. Der SPIEGEL nannte hier eine adlige Person, welche 2009 nicht den CDU-Kandidaten, sondern die von der SPD ins Rennen geschickte Kandidatin wählte. Das wollte man verständlicherweise diesmal vermeiden.

Warum nur darf der Präsident nur von der Regierung gewählt werden, in Zeiten, in denen die Regierung in einer ganz anderen Dimension lebt und arbeitet, als der Rest von Deutschland?

Womit wir beim zweiten Kritikpunkt an der Regierung dieser Tage wären. Das Vorbeiregieren am Bürger. Seit Tagen geistert mir eine Aussage des SPIEGELs im Kopf herum, nach welcher die heutigen Politiker nur noch nach Machterhalt ringen, nicht aber nach sinnvollen Gesetzen. Und dies scheint auch hier erneut der Fall. Denn nach der Klausur im Bundestag, bei der entschieden wurde, wo und wieviel gekürzt wird, zeigt sich erneut, dass Schwarz-Gelb aus der Beinahe-Schlappe in NRW nicht gelernt hat. Beziehungsweise mit aller Macht versucht, ihr eigenes Klientel aufrecht zu erhalten.

Das aktuelle Sparprogramm ist schwärzer als viele Gesetze in den vergangenen Monaten und so ist es nicht verwunderlich, dass die Opposition sturm läuft. Man will zwar sparen, bevor es zum Casus Graecus kommt, was soweit absolut verständlich ist und meine Zustimmung erhält. Ebenso finde ich es sehr löblich, dass an Bildung und Forschung nicht gespart wird. Doch dass die sonstigen Abgaben mehr gegen die unteren Schichten gerichtet sind, stößt bei mir dagegen auf Empörung. Zwar treffen einige der Abgaben die Menschen nicht so hart, wie beispielsweise eine Erhöhung der Steuer, doch alleine, dass überhaupt an den Ärmsten der Gesellschaft erneut gespart wird, ist ein Rückschlag.

Zwar haben wir immernoch ein exzellentes soziales Absicherungssystem, aber wozu haben wir nach 1871 angefangen, eines aufzubauen, nur um es jetzt allmählich wieder zu demontieren? Noch leben wir nicht in den USA und sich dem Kapitalismus vollständig zu beugen kann auch nicht die Lösung aller Probleme sein.

Wie dem auch sei, auch hier handelt man wieder einmal am Willen des Volkes vorbei. Wobei… Wille? Der deutsche Michel wird nicht umsonst mit einer Schlafmütze dargestellt. Das deutsche Volk war, ist und wird immer politisch desinteressiert bleiben, das war schon immer so und es gibt keine Tendenzen, dass dies bald vorbei wäre. Die deutschen sind hochintelligent und fleißig, sorgfältig und äußerst genau, aber sie sind es nun einmal gewohnt, von oben geführt zu werden. Die meisten haben nie gelernt, Nein zu sagen, wenn ein Gesetz nicht dem Willen des Volkes entspricht. Und wenn ein paar Leute einmal Nein sagen wollen, bekommen sie vom Rest ein “Macht ihr mal.” zu hören.

Von daher sind wir theoretisch selbst schuld an der Misere. Wir lassen es mit uns machen. Denn wenn sich Politiker einmal sicher sein könnten, dass sie wiedergewählt werden, nur wenn sie etwas gutes fürs Volk täten, wenn sie abhängig vom Volk wären, in einer anderen Art und Weise, dann wäre unser Grundgesetz vielleicht nicht so zerstückelt, wir hätten ein besseres Gesetzeswerk und allen, Arm wie Reich, ginge es vielleicht besser. Doch solange die Regierung nicht auf die Bürger hören muss, solange die Regierung in Berlin nicht per Wahl dazu gezwungen wird, sinnvolle Gesetze zu machen, ist es nun einmal einfach, auf die Lobbyisten mit dem Geld zu hören.

Die Regierung macht Theater, Berlin ist die Bühne und wir sind die Zuschauer, die immer klatschen, wenn etwas passiert. Amen.


Jun 6 2010

Pain of Salvation – Road Salt, One

ChameleonHalo

Wir schreiben das Jahr 2010 und die Ausnahme-Schweden von Pain of Salvation veröffentlichen ihr siebtes Studioalbum Road Salt One nach einer 3-jährigen Wartezeit. Soweit so gut. Was gibt es sonst noch neues ? Mal schauen. Sie haben einen neuen Drummer, dafür keinen Bassisten mehr, waren im schwedischen Vorentscheid für den Eurovision Songcontest vertreten (nicht sehr erfolgreich), Frontmann Gildenlöw hat sich seine Zahnlücke richten lassen und Gitarrist Hallgrens Oberarme sind inzwischen so groß wie Mammutbäume.

Sonst noch irgendetwas bemerkenswertes ? Achja, allem Anschein nach hat die Truppe an diversen psychedelische Substanzen geschnuppert, eine Zeitmaschine gebaut, dann ihr neues Album in den 70ern aufgenommen und sich nebenher noch mit den Beatles und einer südländischen Folk-Combo zusammen auf einem Zirkusgelände gehörig die Kante gegeben. Zumindest bekommt man als Hörer diesen Eindruck. Denn Road Salt One ist von vorne bis hinten Sex, Drugs and Rock’n'Roll … und stößt in gewohnter Pain of Salvation – Manier das gesamte Publikum vor den Kopf.

Die Platte beginnt mit dem fetzigen No Way, dass dann auch gleich im Midtempo losrockt und uns mit schicken Bassläufen, Piano und Gildenlöw’s unverkennbarem Gesangstil versorgt: „There is no way, that you can love her like I do.“ Dies ist dann auch einer der ersten Kritikpunkte; Die Lyrics sind nicht mehr durchgängig auf dem gleichen hohen Niveau auf dem sie sich in früheren Veröffentlichungen befanden. Möglich, dass Gildenlöw nach dem prätentiösen Konzeptalbum BE die Schnauze voll hatte von überkandideltem poetischen Getue. Mich stört es nicht weiter, aber für viele war gerade der lyrische Part von Pain of Salvation eine sehr wichtige Komponente.

Wie dem auch sei, Gildenlöw’s lyrischer Genius ist nicht völlig in der Versenkung verschwunden, sondern offenbart sich nach dem kurzweiligen Blues-Rocker She likes to Hide in der grandiosen Ballade Sisters. Hinter der unscheinbaren Benennung versteckt sich ein typischer Pain of Salvation – Song par excellence. Sehr gefühlvoll und gemächlich beginnend, zeichnet die Band hier einen wahrlichen Abgrund der sich da vor den Füßen des Protagonisten auftut. Ein Schritt zu weit und alles ist vorüber. Sisters ist packend, emotional, wunderschön und vor allem eines: Herrlich unangenehm und bedrohlich. Zweifelsohne einer von Pain of Salvations großen Momenten. Es folgt Of Dust, eine Art Interlude, welches stark nach einer Liaison zwischen den Western-Dronern von Earth und dem Komponisten Ennio Morricone (The Man With The Harmonica, A Fistfull Of Dollars) unter einem staubigen Wüstenhimmel klingt. Verfeinert mit Gildenlöws Erzählstimme und begleitet von tiefen rauchigen Männerchören. Zu schade, dass das ganze nach knapp 3 Minuten schon vorbei ist. Ein weiter 3-Minüter steht in den Startlöchern, das Rock’n'Rollige Tell Me You Don’t Know, welches sich zwar fetzig anhört, aber nie als ein vollwertiger Song wirkt, sondern eher wie eine wahllos im Studio dazwischen geschobene Jam-Session. Im nächsten Track geht es dann wieder sehr merkwürdig weiter. Sleeping Under The Stars nennt sich der Titel und präsentiert uns zunächst einmal sehr zynische Lyrics.

“Wait darling wait and don’t worry cause you will see,
semen stains wash out surprisingly easily
from leather back-seats of expensive cars,
and soiled toilet seats in the bars.
And why worry about emotional scars,
when tonight you’ll be sleeping under the stars.”

Muss man dazu noch mehr sagen ? Präsentiert wird das ganze mit durchgeknallter Jahrmarktmusik und einem Choral von den Muppets auf Helium. Klingt genau so lustig wie nervig und macht auf eine seltsame Art sogar noch eine Menge Spass. Nach diesem Ausflug gibt es mit Darkness of Mine endlich wieder einen Song, den man zu 100% Ernst nehmen kann. Psychedelische Gitarren, die in einem harten, ruppigen Chorus gipfeln, während Gildenlöw wieder eine stark emotionsgeladene, brilliante Gesangsperformance abliefert. Aus einem ähnlichen Holz wurde auch der nachfolgende Song Linoleum geschnitzt. Gefangene machen Pain of Salvation auch hier keine und feiern erneut eine solide und eingängige Rock-Nummer ab. Curiosity schlägt in die selbe Kerbe und rockt sogar noch bodenständiger als sein Vorgängiger und lädt zu hemmungslosem Mitsingen ein. Live sicher ein Höhepunkt. Nach diesen drei fetzigen Nummern ist erst einmal eine kurze Pause angesagt. In Tell Me Where It Hurts wird die Geschwindigkeit wieder zugunsten einer psychedelisch-atmosphärischen Midtempo-Nummer zurückgenommen, welche Gildenlöw wieder mit seiner unverkennbaren Stimme veredelt. Nun ist es Zeit für den Titeltrack Road Salt. Diese Ballade dürfte dem geneigten Fan aus dem schwedischen Vorentscheid zum Eurovision Songcontest bekannt vorkommen. Der Song besteht nur aus sanften Mellotron-Klängen und Gildenlöws Stimme und geht einfach unter die Haut. (Die Live-Performance kann man sich auch hier einmal zu Gemüte führen) Im finalen Innocence zeigt die Band noch einmal eindrucksvoll was sie kann und lässt den 7-Minüter nach einem eher ruhigen Anfang und einem instrumentalen Chaos zurück, welches den Eindruck einer einstürzenden Welt hinterlässt. Eine typischer Albumcloser im Pain of Salvation Stil.

Das vorliegende Werk weckt gemischte Gefühle. Es ist so vollkommen anders als alles, was uns die Band je präsentiert hat, trägt dennoch dieselbe Handschrift. Und bei allen Ungereimtheiten zieht einen das Album dennoch in den Bann. Es mag nicht ihr anspruchsvollstes Werk sein, nicht ihr flüssigstes, nicht ihr poetischstes, ganz im Gegenteil. Road Salt ist dreckig und roh, aber auch emotional und ehrlich. Und letzten Endes ist dies auch alles was zählt.

Anspieltipps:  Sisters, Linoleum, Road Salt

Update: Link zur Pain of Salvation-Myspace-Seite korrigiert. Hendrik.


Jun 5 2010

Israel – Ein Platz an der Sonne?

Hendrik Erz

Seit knapp 62 Jahren gibt es nun Israel, gegründet nach dem zweiten Weltkrieg von jüdischen Volksleuten im Gebiet zwischen Jerusalem und dem Mittelmeer. Innerhalb des Staates liegen so mehr oder minder sämtliche christlichen und jüdischen Heiligtümer, wie Jerusalem, Bethlehem und das Tote Meer (Man erinnere sich an die Geschichte von Sodom und Gomorrah). Und genau dieser Punkt macht Israel angreifbar. Denn es gibt Menschen, die Israel diese Heiligtümer streitig machen wollen. Am ehesten tun dies die Palästinenser, welche im Gaza-Streifen und im Westjordanland leben. Die Palästinenser im Gaza-Streifen, seit 2007 unter der Regierung der Hamas machen den Israeliten seit der Gründung des Staates diese Heiligtümer streitig und wollen einen eigenen, völkerrechtlich anerkannten Staat.

An diesem seit Jahrzehnten brodelndem Krieg zwischen Palästinensern und Israeliten zeigt sich in einer krassen Ausführung ein Religionskrieg der Moderne. Denn sowohl Palästinenser als auch Juden haben ein historisch-religiöses Interesse an der Region und gleichzeitig auch irgendwo einen Anspruch darauf, den sie erheben. Nun gibt es aber das Problem, das Israel den Palästinensern keinen eigenen Staat geben möchte und Jerusalem vollständig für sich beansprucht, und die Palästinenser nicht bereit sind, einen gemeinsamen Staat mit den Israeliten zu gründen.

De facto bedeutet das, das sich Israeliten und Palästinenser seit Jahren die Köpfe einschlagen. Die Hamas startet immer wieder Guerillaaktionen auf das militärisch hochgerüstete Israel, welches auch seit Jahrzehnten mit westlichen (vornehmlich deutschen) Waffen beliefert wird, worauf die Israeliten meist mit teilweisen Invasionen auf den Gazastreifen antworten. Seit langer Zeit schon existiert im Gazastreifen nicht einmal mehr grundlegenste Infrastruktur, von diesem ständigen Bekriegen wurden die Gebäude und Städte stark mitgenommen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Gazastreifen wegen der radikalen Hamas, welche international als terroristische Organisation geächtet ist, auch keine internationale Unterstützung erhält.

Doch seit ein paar Tagen kann ein internationales Phänomen der Bestürzung über Israel wahrgenommen werden. Während man sich bereits seit Jahren mit Israel streitet, ob es denn eine Atommacht sein dürfe, oder nicht, gibt es seit 2007 eine See- und Landblockade des Gazastreifens. Sogar innerhalb der internationalen Gewässer versucht Israel mit Erfolg, seine Interessen durchzusetzen und blockiert jegliche Transporte in den Gazastreifen, jüngst war dies eine ganze Hilfsflottilie von pro-palästinensischen Organisationen, welche unter Anwendung von Gewalt in die Gewalt Israels gebracht wurde und schließlich in eine israelische Hafenstadt geschleppt wurde, wo die Ladung in israelische Hand überging. Handel auf die unkonventionelle Art.

Fest steht, dass Israel mit immer brutaleren Methoden versucht, den Gaza-Streifen auszuhungern. Es kommt beinahe einer Belagerung aus dem Mittelalter gleich und die internationalen Kräfte rühren immer noch keinen Finger für die Palästinenser. Und daher gelingt es den Israeliten immer wieder, die Palästinenser immer weiter auszudünnen. Denn die Palästinenser sind zwar das kleinste Problem der Israeliten, aber aufgrund der geographischen Nähe das Lästigste. Denn mit anderen anti-israelischen Anrainerstaaten hat Israel in den vergangenen Jahrzehnten Friedensverträge geschlossen.

Und so versucht Israel nun schon, mit der Begründung der Hamas-Regierung, seit 3 Jahren, den Gaza-Streifen systematisch auszuhungern, doch da immer mehr Unmut in der Bevölkerung des Planeten gegenüber Israels Vorgehensweise laut wird, kommen auch mehr und mehr Feinheiten über diese Belagerung zutage. So zum Beispiel der Angriff auf den Hilfskonvoi in den letzten Tagen. Doch warum blockiert Israel so vehement den Gazastreifen und siedelt ohne Unterlass im Westjordanland?

Nun, zuerst einmal muss man sagen, dass die Nachbarstaaten Israels es mit selbigem Land nicht sehr gut meinen. Kurz nach der Unabhängigkeitserklärung von Israel am 14. Mai 1948 griffen Ägypten, Syrien, Jordanien und der Irak Israel an, weil sie diesen neuen Staat in der Mitte ihrer selbst nicht akzeptieren wollten – nicht zuletzt auch, weil es ein künstlicher neuer Staat mit Unterstützung Europas und Nordamerikas war, der von Großbritannien errichtet wurde.

In der Folgezeit wurde Israel daher immer mehr mit westlichen Waffen ausgestattet und man sorgte dafür, dass es ein Staat der 1. Welt wurde. Doch letztlich führte diese anhaltende Feindschaft unter den eigentlich verbrüderten arabischen Staaten dafür, dass Israel sich halbwegs selbstständig machte. Dies zeigte sich unter anderem im Sechs-Tage-Krieg von 1967 und in den anhaltenden Siedlungsprojekten im Westjordanland sowie der Blockade des Gazastreifens. Und somit hat heute Israel nur noch wenig Unterstützung aus dem Westen, da dieser einerseits diese Siedlungsprojekte und andererseits die Atompläne Israels nicht unterstützt. Somit wurden aus den einstigen Unterstützern Skeptiker und Israel gerät zunehmend in internationale Kritik. Die Vorgehensweise bei den humanitären Hilfstransporten stärkt dieses Bild Israels weiterhin.

Und somit wächst von Tag zu Tag der Druck auf Israel, auch weil einstige Bündnispartner wie die Türkei und Griechenland abspringen und Israel mehr und mehr in der Wüste verdursten lassen. Es bleibt abzuwarten, wie sich die israelische Regierung in den folgenden Wochen äußert, aber ohne ein Einlenken der Regierung sehe ich keine großen Chancen, denn sobald Israel international nicht mehr derart geschützt ist, wird es immer wahrscheinlicher, dass die großen Feinde Israels erneut eine Invasion versuchen werden…